„Sie schreiben, dass man sich vom bisherigen deutschen Lebenslauf verabschieden sollte. Ich gebe Folgendes zu bedenken: Der chronologische deutsche Lebenslauf bietet den Vorteil, dass der Leser (Arbeitgeber) so am besten eine Zeitanalyse und eine Analyse der bisherigen beruflichen Stationen vornehmen kann. (Was baut inhaltlich aufeinander auf?) Haben Sie schon einmal eine Geschichte der DDR gelesen, die mit der Wiedervereinigung beginnt und dann chronologisch zurückgeht – bis in das Jahr 1949?"
– Sie haben recht. Geschichten erzählt man nicht im Rückwärtsgang. Das gilt immer dann, dann, wenn man eine Short Story für den New Yorker schreibt oder wenn man wie Homer sinnend in das Lagerfeuer starrt (bzw. als Bewerber eher forsch in die Augen des Personalers blickt) und gelassen vom Glanz und Aufstieg eines Helden berichtet. Auch der historische Bericht, das war Ihr Einwand, wird sich im Großen und Ganzen an die Chronologie der Ereignisse halten. (So weit ich mich erinnere, arbeiteten Historiker gern mit Vor- und Rückblenden.) Ganz sicher wird der vom herben Rekrutierungsalltag gezeichnete Adressat einer mündlich vorgetragenen Bewerberstory unhörbar schreien und insgeheim Mordgelüste hegen, wenn avantgardistische Bewerber ihren eigenen Werdegang dekonstruieren, fragmentieren, remixen, rekompilieren, reloaden oder sonst wie verkomplizieren. Starten Sie im Vortrag kaltblütig mit einem unerhörten Ereignis (oder gar mit einer Sentenz.) Führen Sie die Zuhörer von einer Klimax zu anderen. Aber texten Sie keinen Nouveau Roman.
So weit so gut. Der Lebenslauf ist aber keine Story, sondern eine Leistungsbilanz in Form eines Datenblatts. Wie im Anschreiben positioniert man das stärkste faktische Argument für eine aktuelle, spezifische Jobeignung an oberster Stelle. Ja, auch beim Anschreiben (egal ob per Mail oder als Papierbrief) verfährt man so. Der einfache Grund: Man kann die Adressaten seiner Bewerber-Präsentation nicht dazu zwingen, Einleitungen, Herleitungen, Ableitungen und rhetorische Eröffnungen zu goutieren. Man kann ihnen aber direkt vor die Nase halten, was den Job-Claim am besten belegt. Das ist je nach der Lage, in der sich der Kandidat befindet, die aktuelle Job- oder Ausbildungsstation oder das sind seine Kenntnisse und Fähigkeiten. Personaler wollen kein Hors d’oeuvre. Sie wollen die Wurst.
Das Wichtigste zuerst. Das entlastet jeden Bearbeiter. Das ist gute Praxis, wenn Sie rapportieren. Das belegt in jeder Hinsicht Ihre Jobeignung.
Noch einmal: Ihrem äußeren und inneren Werdegang geben Sie Gestalt, Bedeutung und Gewicht in der Bewerberstory. Der Lebenslauf ist ein als Fact Sheet verkleidetes Leistungsangebot. Er kann nicht chronologisch sein, weil Ihr Abitur oder gar Ihre Grundschulzeit (hoffentlich) nicht der Umstand ist, der am meisten für Sie spricht. Der revers-chronologische Lebenslauf verlangt auch keinen echten Perspektivenwechsel – Jobanbieter und Personaler schauen in der Regel sowieso von oben herab.
Mehr zum Thema Lebenslauf, als ein Mensch im Lauf seines Lebens lesen möchte, finden Sie hier:
http://www.jova-nova.com/bewerbung/lebenslauf/
Allen meinen Empfehlungen zugrunde liegt die Beobachtung, dass fast alle Bewerber die ihnen zur Verfügung stehenden Textsorten grausam mischen oder eben nicht das Maximum herausholen, das eine Textform bietet. (Klar. Wer verdient sein Geld auch als Experte für Textgattungen?) Bevor Sie am Lebenslauf oder Anschreiben basteln, bevor Sie Ihre Bewerberstory aufbauen oder bevor Sie egal was im Leben schreiben, klären Sie am besten diese Fragen: An wen wenden Sie sich? Wie ist das Setting? Was wollen Sie vermitteln? Und wie läuft das Handling dann ab? Kurzum, was braucht der Adressat und was soll er damit machen? Sagen Sie es ihm beim Bewerben direkt. Texten ist so leicht, wenn man an alles denkt!
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