Es ist höchste Zeit für schnörkelloses Schreiben
Dieser Tipp wird Sie enttäuschen, wenn Sie nach Mustersätzen für Ihre Bewerbung suchen. Stattdessen werde ich Ihnen zeigen, wie Sie es anstellen, dass in Ihrem Anschreiben jedes Argument wie von selbst an die richtige Stelle fällt. Werden Sie sich zuerst über das Konzept klar. Ich erkläre Ihnen, was das Anschreiben alles nicht ist:
Das Anschreiben ist kein bloßer Begleitschrieb.
Es ist keine Schilderung Ihres Werdegangs.
Es ist kein Geschäftsbrief und auch kein Werbeschreiben.
Tatsächlich brauchen Sie nicht einmal Schweiß und Tränen zu vergießen, damit Ihre Briefantwort 1:1 die Anforderungen einer Stelle spiegelt. Sie brauchen sich darin auch nicht unbedingt über Ihre Bewerbungsmotivation auszulassen. Sie können und sollten sich vor allem jede Einleitung sparen. Ganz besonders achten Sie bitte darauf, dass Sie dem Jobanbieter nicht nach dem Mund reden.
Warum Sie das alles nicht tun: In unserer postmodernen Arbeitswelt funktioniert das Anschreiben als eine Kurzeinweisung, als ein Briefing über die Jobeignung. Sie haben als Arbeitsanbieter Ihre zwei Minuten. Legen Sie dar, aus welchen Gründen ein Jobanbieter eine genau definierte Position mit Ihnen besetzen soll. Das Anschreiben ist Ihr geschäftlicher Vorschlag. Sie bieten Leistung an. Und es gibt keinen Grund, dass man sich selber dafür verkauft.
Gehen Sie als Texter Ihres eigenen Leistungsangebots so vor:
- Übernehmen Sie für ein Papier-Anschreiben die DIN-Regeln für Maschinenschreiben. Vom Brieflayout her sieht das Anschreiben aus wie ein Geschäftsbrief.
- Für eine Mailbewerbung übernehmen Sie den Betreff, den Brieftext von der Anrede bis zur Unterschrift. Kopieren Sie Ihre eigenen Adressdaten als Signatur unterhalb des Mailtexts.
- Unterschreiten Sie nicht 1600 Anschläge inklusive Leerzeichen und tippen Sie nicht mehr als 2000. Schulabgänger und Berufserfahrene, Praktikanten oder Geschäftsführer - jeder kann seinen Job-Anspruch auf einer Seite umfassend und überzeugend vermitteln.
- Legen Sie direkt nach der Briefanrede mit Ihrem stärksten Argument los. Es gibt sonst nichts, was einen überarbeiteten, schlecht gelaunten, demotivierten und vom täglichen Info-Müll bis zur Ekelgrenze zugeschütteten Personaler einigermaßen sicher dazu veranlasst, das er sich auf Sie fokussiert. Für Berufstätige ist das härteste Pro-Argument meist die aktuelle Funktion. Absolventen verweisen auf Ausbildungsschwerpunkte, besser noch auf erste Praxiserfahrungen. Hartz VI-Empfänger starten vielleicht mit Ihren Kenntnissen und Fähigkeiten.
- Gehen Sie noch einmal zu Punkt 4 zurück. Ich meinte wirklich: Jede Einleitung ersatzlos streichen. Wenn Sie auf einer Bühne zum Vorsingen antreten, dann singen Sie los. Halten Sie den Regisseur nicht auf.
- Ihr bestes Argument darf keine persönliche Stärke oder Haltung sein. Dass Sie belastbar, flexibel und teamfähig sind, ist nett, aber im Anschreiben unbeweisbar. Nur belegbare Fakten sind harte Argumente. Kleben Sie an den Fakten, raspeln Sie kein Süßholz.
- Jobtauglichkeit meint Eignung HIER und JETZT. Ihre ganze Argumentation im Anschreiben läuft darauf hinaus, dass Sie jetzt gerade alles mitbringen, was einen erfolgreichen Mitarbeiter ausmacht. Was Sie wann alles so gemacht haben, ergibt kein Briefing, sondern einen zeitlichen Abriss. Die Deutungshoheit über Ihren Werdegang erobern Sie im Jobinterview, in Ihrer Bewerber-Story. Für das Anschreiben brechen Sie aus Ihrem bisherigen Werdegang das heraus, was am meisten für Sie spricht und ordnen es in absteigender Reihenfolge.
- Joberfahrung, Joberfolge nennen Sie stets zuerst. Immer konkret werden. Namen nennen. Das Detail sprechen lassen. Schauen Sie dafür in Ihren Arbeits- und Ausbildungszeugnissen nach, was Sie alles GENAU gemacht haben.
- Im zweiten Textabschnitt gehen Sie auf die Basis Ihres Handelns ein. Sie nennen Abschlüsse, Weiterbildungen, Sprach- und EDV-Kenntnisse. Im folgenden Paragraphen legen sie dar, warum Sie sich bewerben. Falls Sie keinen aus der Sicht des Jobanbieters guten Grund dafür haben, können Sie sich floskelhafte Beteuerungen sparen. Geben Sie dann Ihre Konditionen an. Bringen Sie am Ende Ihre Jobeignung noch einmal mit einem Satz auf den Punkt. Hier und nur hier ist der Platz, um persönliche Stärken anzuführen. Schließen Sie mit einer Handlungsaufforderung.
- Beschränken Sie sich nicht auf Sieben-Wort-Sätze. Personaler können lesen. Variieren Sie aber die Satzlänge. Die Aufspaltung von Argumenten in zeilenweise aufgelistete Stichwörter mit einem vorgesetzten kleinen Knödel als Augenwischer ist eine Manier von eher dummen Leuten, die sich besonders schlau vorkommen.
Wir üben alle schon früh im Leben die Dreierreihe Einleitung, Hauptteil, Schluss ein. Wir wurden alle erzogen, höflich zu sein. In der Schule hat man uns beigebracht, Dinge zu verallgemeinern und zu abstrahieren. Das alles hindert uns als Bewerber, direkt, faktenbezogen, konkret und ohne Füllsätze zu argumentieren. Lassen Sie dennoch die alten Anschreibenmuster hinter sich. Jobeignung ist nicht abstrakt, sondern konkret. Haben Sie das Gefühl, eine Anzeige passt, dann lassen Sie die Offerte links liegen und konzentrieren Sie sich darauf, Ihr Profil als einen Kurzvortrag für einen Zuhörer vom Fach aufzubauen. Erst nach Fertigstellung nuancieren Sie noch hier und da in Ihrer Argumentation, um Ihr Anschreiben an das Anforderungsprofil anzupassen.
Ich selber texte gern und viel und mache große Worte. Wenn ich für Klienten ein Anschreiben entwerfe, frage ich mich aber stets: Wie würde Client Eastwood schreiben? Er würde sicher lakonisch und wortkarg seinen Claim auf den Punkt bringen.
Von Bewerbern höre ich manchmal, dass Personaler diese funktionalen Anschreiben nicht verkraften. Von Personalern höre ich nur, dass ich nicht aufhören soll, Jobsuchende zu ermuntern, sich auf das Wesentliche zu beschränken und aussagefähige, auswertbare Informationen zu liefern. Von meinen Klienten höre ich immer mal wieder, wenn sie den nächsten Karriereschritt wagen.
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12.06.2005; zuletzt aktualisiert: Berlin, 14.2.2009
Ich schreibe für den verständigen Leser. Halten Sie bitte auch mich auf dem Laufenden: über den Jobmarkt, über Ihre Bewerbungswege, Erfahrungen, Abenteuer und Erfolge. Was vermissen Sie auf jova.nova.com? Was sehen Sie anders? Ich freue mich über Ihr Feedback!
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