Jobanbieter anschreiben, heißt Schreibregeln zu folgen. Personalfachleute unter den Bewerbern halten sich an die Regeln der Handelskorrespondenz. Kulturschaffende orientieren sich mehr an den Vorgaben des Enthüllungsjournalismus. Die einen ziehen sich Ärmelschoner über, die anderen ziehen sich die Hose aus.
Absehbar ist, dass ein Personalexperte mit pädagogischem und betriebswirtschaftlichem Doppelhintergrund, der auch noch selbst berät und veröffentlicht, im Dickicht der Regeln die Orientierung verliert. Man möchte ihm zurufen: Schreib‘s nicht! – Zu spät.
"Sehr geehrte Damen und Herren,
Es freut mich, dass Sie Karriereberater und Trainer suchen und ich mich in ihrem renommierten Büro bewerben kann."
Diese einleitende Bewerberartigkeit verstößt mehrfach gegen Winklers Regeln: Du sollst nach der Anrede klein schreiben. Du sollst am Anfang keine Freude bekunden. Du sollst nicht widerspiegeln, was der Jobanbieter sucht. Du sollst selbst den Herren X & U nicht katzenschmeichlerisch um die Expertenbeine streichen. Du sollst Dich nicht in einem Büro bewerben. Du sollst nicht können missbrauchen, um höflich zu tun. Du sollst Dich nicht förmlich spreizen. Du sollst stattdessen ohne Umschweife vorlegen, was was für Dich am meisten spricht.
Ich bin ein erfahrener Berater.
Du sollst Dich nicht selbst bewerten.
Als Pädagoge und Gruppenleiter habe ich sowohl Einzelberatungen als auch Gruppengespräche moderiert und angeleitet. Ich habe Erfahrungen in Personalführung und war auch für die Personalauswahl verantwortlich. … Ich ... Ich habe Seminare begleitet und Workshops moderiert … Begleitend zu meiner Tätigkeit … habe ich als externer Berater Personalauswahlverfahren in Unternehmen entwickelt und durchgeführt, Führungskräfte bei der Personalführung gecoacht und individuelle Trainings für externes Rechnungswesen angeboten.
Du sollst konkret werden. Du sollst Namen nennen. Du sollst Argumente gewichten und auffächern. Du sollst quantifizieren. Du sollst einer inneren Satzmelodie folgen. Du sollst variieren. Du sollst, gerade, wenn Du promoviert hast, klar denken und korrekt schreiben. Du sollst Dich nicht umfangreich mit Aspekten beschäftigen und auch nicht jemanden bei der Personalführung coachen. Das Schicksal soll Dich nach Berlin-Mitte verschlagen, wenn Du coachen konjugierst.
"Die Themen und Inhalte ihres Beratungsangebots entsprechen meinen Interessen, wobei für mich die nachweislich hohe Qualität ihrer Bücher und ihres Beratungsangebots wichtig ist."
Du sollst nicht Dein Interesse bekunden, sondern Deine Eignung präsentieren. Du sollst Überzeugungen oder in diesem Fall Halbwissen nicht mit Interessen verwechseln. Du sollst nicht lügen.
Die Tätigkeit als Karriereberater und Trainer in Ihrem Team bietet mir die Chance, meine Fähigkeiten und Kenntnisse sowie Flexibilität, Belastbarkeit und Kreativität in den vielfältigen Arbeitsbereichen zum Einsatz bringen zu können.
Du sollst nicht generalisieren. Du sollst Ego-Statements vermeiden. Du sollst in Deinen Sätzen können ersatzlos streichen. (Hey, ist das nicht ein guter Trick? X & U, übernehmen Sie!) Du sollst den Job besser verstehen als der Jobanbieter, aber ich gebe zu, bei X & U ist das wahrlich kein Problem.
Auf die Gelegenheit zu einem persönlichen Gespräch freue ich mich sehr.
Du sollst Dich nicht ständig freuen. Du sollst keinen schwachen Abgang machen. Du sollst dem Jobanbieter einflüstern, was er tun soll.
– Lieber Personalfachmann: Kommen Sie schnell von diesem Hochplateau der Platitüden wieder herunter. Sie sind doch ein ausgewiesener Recruiting-Spezialist. Stellen Sie sich nicht künstlich dumm; selbst dann, wenn Sie bei den renommierten Meistern der Geistschreiberei anheuern und deren Büro für unpraktische Lebenshilfe verstärken woll
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August 2007; zuletzt überarbeitet: Berlin, 25.2.2009
Ich schreibe für den verständigen Leser. Halten Sie bitte auch mich auf dem Laufenden: über den Jobmarkt, über Ihre Bewerbungswege, Erfahrungen, Abenteuer und Erfolge. Was vermissen Sie auf jova.nova.com? Was sehen Sie anders? Ich freue mich über Ihr Feedback!
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