Wer mag so lange lesen?
1![]()
Kostenloser Unterlagencheck! Der Bewerbungshelfer doppelklickt sich ein neues Anschreiben auf den Mac-Bildschirm. Liest. Seufzt. Und schreibt:
" ... Herzlichen Glückwunsch!
Sie haben in einem einzigen Satz 37 Wörter untergebracht.
Wie soll ich reagieren?
Mich anseilen und die Zeilen abklettern?
Kaffee holen gehen, bis Sie fertig sind?
Ihren Diskurs als Methode schätzen?
Mit dieser Zeilenschinderei überzeugen Sie bestenfalls akademische Oberbauräte ..."![]()
2![]()
Diese ernsthafte Ermahnung zeigt wenig Wirkung. Der Einsender antwortet nämlich:
" ... Eine grundsätzliche Frage habe ich allerdings:
Befürchten Sie nicht eine radikale
Verarmung der deutschen Sprache auf einen kargen mathematischen Duktus,
wenn man auf jegliche Floskel,
Höflichkeit oder Umschreibung verzichtet?
Da ich ohne Mühe in der Lage bin,
auch Sätze mit bis zu 37 Wörtern zu erfassen,
gehe ich davon aus,
das gegebenenfalls auch anderen zumuten zu können
- und Sie können mir glauben,
auch ich habe mich
schon durch viele Bewerbungen kämpfen müssen.
Mich würde Ihre Meinung dazu interessieren,
denn in der Konsequenz heißt das doch nichts anderes,
als Bewerbungen
am besten als Diagramm zu erstellen.
Oder? ..."
3![]()
Der Bewerbungshelfer nimmt den Strauß an. (Der Ausdruck stammt aus der Zeit, als die Ritter noch Blumenzüchter waren):
" ... Bitte verstehen Sie mich nicht falsch.
Auch ich war in Arkadien, lustwandelte auf langen Pfaden,
die an die Quellen führen,
lagerte auf jener Wiese am Bach,
las William Faulkner unter dem Maulbeerbaum und
Marcel Proust unter dem Dornbusch -
natürlich im Original,
gewiss ohne eigentliches Verständnis,
doch immerhin angeregt genug,
um selbst einmal ein Brieflein an die damals scheu Angebetete zu wagen,
eine kühne,
zugleich filigrane Konstruktion aus einer einzigen, immerhin
siebenzeiligen Periode ohne Anrede, Anfang oder Schluss.
Gleichviel.
Sie und ich können beide nur in einem privaten,
wissenschaftlich-fachlichen
oder literarischen Konnex erhoffen,
dass sich (aus)gebildete Leser die Zeit zum Erfassen, Verstehen
und vielleicht auch Genießen dichter Texturen nehmen."
4
Ganz klar: In geschäftlichen Zusammenhängen sind lange und schwer lesbare Schreiben in der Tat eine Zumutung: ![]()
Die Verfasser halten sich nicht an eingeführte Spielregeln.
Sie bereiten Informationen nicht sachgerecht auf.
Sie missachten Grundsätze der Selbstpräsentation.
Sie nehmen den Lesern Zeit.
Sie machen es den Lesern unnötig schwer.
Beliebte Gegenargumente:
"Die Leser sollen alles erfahren, was für mich spricht"
Warum sollten sie das?
Personaler wollen auf einer einzigen Briefseite erfahren, was für einen spricht. Die Leser sind Fachleute und werden,
sofern interessiert,
das vorteilhafte Bild schon selbständig komplettieren:
mit Lebenslauf, Zeugniskopien,
Arbeitsproben, Referenzen. Und vielleicht sogar mit einem Anruf. Für Anschreiben gilt:
Sich auf einer Seite darzustellen macht einen zum reizvollen Unbekannten.
Sich auf 1,5 Seiten darzustellen, macht einen zum unentschlossenen Weichei.
Sich auf zwei Seiten darzustellen, macht einen zum Quälgeist.
Sich auf drei Seiten darzustellen, macht einen zum Bundeskanzler.
Lange Anschreiben sind nicht für Leute, die viel drauf haben, sondern für Leute, denen nichts einfällt.
"Meine Adressaten sind Akademiker wie ich"
Beredsamkeit, langer Atem und die Fähigkeit,
fein zu ziselieren -
das sind Wettbewerbsvorteile in akademischen Disputen oder Diskussionen.
Bewerber können die Situation "Durchsicht der Unterlagen"
jedoch nicht bzw. nur subtil steuern.
Für sein Anliegen hat man genau ein (1) Blatt. Womit bewirken,
dass dieses Blatt in die Hand genommen,
überflogen, dann aufmerksam analysiert wird? ![]()
Mit satten fünfunddreißig Zeilen in Times New Roman
10 Punkt und computergeneriertem Blocksatz? -
G. bewahre!
Lange Anschreiben werden bestenfalls als Zeichen von Unsicherheit und Unerfahrenheit gewertet.
"Je kürzer ein Anschreiben, desto floskelhafter"
Innovation ist keine Frage der Länge. Und Sie orientieren sich ja an den Konventionen der
Geschäftskorrespondenz.
Wie ein Bewerber auf ein spezifisches Angebot reagiert und sich präsentiert,
das allein macht ein Schreiben lebendig, persönlich und individuell.
Bei aller gebotenen Kürze bleibt doch immer Raum,
um wirksam die sprachlichen Register zu ziehen.
Kompetenz heißt angemessener Einsatz der Mittel.
"Ich kann und will meinen persönlichen Stil nicht leugnen"
Lang- und Breitschreiben als distinktives Merkmal? Sich winden als Ausdruck einer komplexen Persönlichkeit? Elitäres Sprachgehabe im Anschreiben ist eine Spekulation, dass der Stellenanbieter auf schöne Worte hereinfällt. Spekulieren können Sie mit Biotechwerten, aber nicht mit Ihrer beruflichen Zukunft.
Zwischen sich selbst verleugnen und die anderen nerven ist genug Platz, um das Ego zu entfalten. Vergessen Sie aber nicht: Der kluge Bewerber verhält sich bedeckt.
Frau B. Grieble, VSR Ravensburg (Abt. Ausbildung), gewidmet
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Zuletzt aktualisiert: Berlin, 14.2.2009
Ich schreibe für den verständigen Leser. Halten Sie bitte auch mich auf dem Laufenden: über den Jobmarkt, über Ihre Bewerbungswege, Erfahrungen, Abenteuer und Erfolge. Was vermissen Sie auf jova.nova.com? Was sehen Sie anders? Ich freue mich über Ihr Feedback!
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