Zu den Berliner Hoffotografen kann jeder kommen. Aber nicht in allem, was ihm gefällt.
"Im schlimmsten Fall schicke ich einen Bewerber wieder nach Hause", sagt Christine Blohmann. Doch bleibt man als Kunde auch dann noch König. Co-Geschäftsführerin Christine Blohmann setzt, wie sie sagt, eher einen neuen Termin an, als einen Jobsuchenden zu seinem Nachteil abzulichten. "Es gibt kleidungsmäßige Übererfüller und immer auch welche, die ganz weit daneben liegen. Was den Dress angeht, akzeptiert man meinen Rat aber gern. Manchmal arrangiere ich sogar ein Treffen mit einer externen Stilberaterin.” Die Fotografin tritt selbst in Schwarz und eher unauffällig auf. Das kann man durchaus als Referenz an Dunkelkammer und Kreativagentur sehen. Dezent, aber deutlich verweist Frau Blohmanns Outfit darauf, in welchem geschäftlichen Umfeld sich die Hoffotografen positionieren.
Die Agentur besteht aus elf Frauen und einem Mann, wobei man besser nicht nachfragt, wer wem den Hof macht. In der Hauptstadt, wo Selbstironie zum Szene gehört wie das Mandelplätzchen zum Milchkaffee, erweckt das Prädikat Hoffotografen sofort auch vage Assoziationen an Freiluft-Sitzungen im Hinterhof. Das Studio des 1998 gegründeten Betriebs zeigt seine Schaufensterfront allerdings am touristisch voll erschlossenen Monbijouplatz. In diesem Viertel regiert die alternative Bürgerlichkeit, und so glänzen die Fassaden ringsum blitzblank. Gleich daneben lädt ein etwas mehr als badelakenbreiter Park die nervösen Kunden dazu ein, sich vor dem Foto-Shooting im Grünen zu ergehen und innerlich zu sammeln.
Christine Blohmanns Hoffotografen machen eigentlich PR-Fotografie. Wie so oft ist das Eigentliche ein guter Treibsatz für das bedeutende Andere. Im Fall der Hoffotografen haben sich die Aufnahmen von Geschäftsführern und Mitarbeitern berlinweit herumgesprochen. "Die selben Leute, die wir für Firmen-Kommunikation aufgenommen haben, kamen irgendwann wieder zu uns und haben nach Bewerbungsfotos gefragt", sagt Christine Blohmann. Die Hoffotografen treten einladend auf, gehören aber zu einer anderen Klasse als das Fotostudio um die Ecke, wo man sich auf Pass-, Tüll- und Babyfotografie spezialisiert hat. Darum sind es eher Juristen und Kaufleute, daneben auch Media-Menschen und Kommunikationsprofis, die einen Termin am Hof von Monbijou vereinbaren.
Die Beraterzunft ist sich darüber einig, und auch den Lesern meiner Bewerbungstipps ist es nicht verborgen geblieben: Das kernige und frische Bewerberporträt gehört auf die To-do-Liste eines jeden beruflichen Selbstvermarkters.
Und da hatte ich zuletzt eine aufregende Entdeckung gemacht. In Berlin biete ich Workshops für die Cleveren unter den Jobsuchenden an. Und jedes Mal arbeite ich vorab die Unterlagen der Teilnehmer durch. Einige der Berliner Bewerber-Porträts ließen sogar mich abgebrühten Bewerberberater leise durch die Zähne pfeifen. Sie waren der bildhafte Beleg dafür, dass sich der Standard für wirkungsvolle Bewerberfotos mittlerweile an der professionellen PR-Aufnahme ausrichtet.
Auf meine Fragen zeigte sich dann in den Workshops, dass diese Bewerber unabhängig voneinander auf dieselbe Idee gekommen waren. Um sich porträtieren zu lassen, hatten sie die Hoffotografen aufgesucht. Und so individuell und persönlich jede einzelne Aufnahme auch ausfiel, eine unverwechselbare Signatur des Fotografen war doch unverkennbar. Aufgefallen waren mir als Bild-Gemeinsamkeiten vor allem: Lachende Augen. Ausgesprochen lebendiger, wacher und interessierter Ausdruck. Hinwendung zum Betrachter. Verblüffende Abwesenheit von Anspannung, Reserviertheit und Unsicherheit. Keinerlei Anzeichen, dass man sich innerlich dagegen wehrt, fotografiert zu werden. Stattdessen sichtbarer Spaß an der Selbstdarstellung plus ein leichter Anflug von Selbstinszenierung. Und vor allem stets ein selbstbewusster, starker Blick, der den Blick des Betrachters auffängt und zurück gibt. Vom Fotografischen her fiel mir auf: Tendenz zum Querformat. Vorliebe für Schwarz-Weiß. Gleichmäßige, nicht zu harte Ausleuchtung. Ausbalancierte Farben. Stimmigkeit eines jeden Bilddetails.
Und mit sicherem Soziologen-Blick kommentierte mein Workshop-Veranstalter André Plüschke von der job-chance-berlin.de: “Das ist nicht nur die kommende berufliche Elite. Die zeigen das auch her.”
Wenn man sich selbst für überzeugende Bewerberauftritte stark macht, brennt man natürlich darauf, Präsentationsprofis auszufragen. Christine Blohmann gab sich zunächst reserviert. Ich erfuhr bald den Grund. Anscheinend tendieren manche Karriereberater dazu, ihre Klienten auf dem Gang in die Dunkelkammer zu begleiten und dort während der Aufnahme-Session flotte Tipps zu geben. Erst als ich der Sprecherin der Hoffotografen versprach, dass ich mich nur im übertragenen Sinn als Bewerberbegleiter verstehe, gewährte man mir eine Audienz.
Christine Blohmann rät davon ab, unmittelbar vor dem Fototermin einen Friseur aufzusuchen. Meinem Tipp, gegebenenfalls seine wilde Haarpracht zu bändigen und die Frisur nach dem Vorbild von TV-Moderatoren und Nachrichtensprechern neutral und unauffällig zu halten, erteilte sie eine glatte Absage: “Stehen Sie zu Ihren Haaren, auch wenn die ein bisschen quer stehen.”
Bewerber sollten ausgeschlafen bei den Hoffotografen erscheinen (S-Bahn-Station Hackescher Markt – reservieren Sie als Besucher aus Schwaben noch etwas Zeit für Sightseeing.) Am besten, man bringt auch einen alternativen Blazer, eine zweite Bluse, eine weitere Krawatte mit. Porträtstudien brauchen ihre Zeit – man sollte schon willig sein, sich auf eine Sitzung einzulassen. Und die eigene perfekte Laune macht, so Frau Blohmann, "auch uns Hoffotografen noch besser gelaunt".
Christine Blohmann konstatiert durchaus Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Bewerbern. Männer finden leichter eine selbstbewusste Positur, kehren gern den Macho heraus, sind dafür oft weniger flexibel. Gerade männliche Bewerber definieren vorab in ihrem Lebenslauf die genauen Maße und die Position des Bewerberfotos. Deshalb fällt es ihnen gar nicht so leicht, für den Umstieg von Hoch- auf Querformat oder für eine größere Bildvariante ihr Lebenslauf-Layout zu ändern. Christine Blohmann findet nicht gut, wenn Bewerber zugeknöpft und in sich gekehrt auftreten. Als Werbefotografin versteht sie sich auf die Kunst der Inszenierung. Der erotischen Aufladung eines Porträts für Karrierezwecke setzt sie enge Grenzen. Die Aufnahmen sind dennoch wahre Hingucker, und die Porträtierten besitzen die Attraktivität interessanter Persönlichkeiten. Für Personaler sexy sind die Persönlichkeitsstudien damit allemal.
Das verwendete Porträt-Format schneidet das Bild in der Höhe des Krawattenknotens oder des obersten Knopfs im Dekolleté ab. Personaler schauen im ersten Akt einer Bewerbung nicht wirklich die ganze Persönlichkeit an und schon gar nicht von Kopf bis Fuß.
Bei den Hoffotografen erhält man ebenso umstandslos Papierabzüge wie Bild-Dateien. Diese werden wahlweise für den Bildschirm oder für den Ausdruck optimiert. Die onlinetauglichen, preislich günstigeren Foto-Versionen sind nicht größer als 20 KB. Allerdings umfassen auch einige der schlimmsten mir zugemailten Porträts zwischen 10 und 20 Kilobyte. Machen Sie das als Ihr eigener Einscanner und Bildbearbeiter den Hoffotografen nicht nach. Eine Fotodatei soweit einzudampfen und die Bildinformationen dabei zu bewahren, das gelingt nur echten Profis der elektronischen Bildverarbeitung.
Beim Durchblättern einer Referenz-Mappe bemerkte ich: “Diesen intelligenten und erfolgreichen Young Urban Professionals haben sowieso kein Problem, sich in Szene zu setzen. Und auch das fotografische Auge erfasst ja eine Persönlichkeit weitaus schärfer als einen Nobody.” Christine Blohmann erwiderte lakonisch, dass man auf der Stelle ausprobieren könnte, was sich aus meinem Typ herausholen lässt und so wechselten wir hinüber in das Aufnahmestudio.
Die Sitzung nahm einen verblüffenden Verlauf. Ich erfuhr, dass ich zwei völlig disparate Gesichtshälften besitze und erkannte, dass ich ein Leben lang automatisch die schlechtere Seite vorgezeigt hatte. Ich nahm sogar Haltung an. ich straffte mich und strahlte Energie aus. Auf gutes Zureden von Christine Blohmann konzentrierte ich mich wie noch nie zuvor darauf, meine Augen zum Lachen zu bringen. Nach einigen Fehlversuchen (Augen zu weit aufgerissen) gelang mir das. Ich will nicht verhehlen, dass ich unangestrengt lächelte (es gibt jetzt Fotos, die das beweisen), aber dazu bedurfte es Christine Blohmanns fortgesetzter energischer Ermutigung. Die Hoffotografin nahm sich Zeit, verwickelte mich listig in einen Smalltalk und baute tatsächlich zwischen uns so etwas auf wie eine kreative Spannung. Eigentlich ist es wunderbar, fotografiert zu werben. Man sollte sich öfter mal selbst vermarkten.
Die Hoffotografen sind nicht der preisgünstigste Dienstleister auf dem hauptstädtischen Markt für Bewerber-Services. Mit Christine Blohmann bin ich mir einig, dass man die eigene Präsentation am besten als ein Projekt betrachtet, in das man nicht nur Zeit und Energie, sondern auch Geld investiert. Eine Profi-Aufnahme ist zweifellos eine der klügeren Investitionen, die man als Bewerber tätigen kann. Ein Personaler sucht ja nicht nach freigelegten Ohren, sondern nach Persönlichkeit. Man gibt ihm nicht nur ein Bild von sich, man gibt ihm ein Stück von sich selbst.
Auf der Rückfahrt in der S-Bahn drückte ich meinen Rücken durch, senkte ein wenig das Kinn, blickte selbstbewusst in die Runde und ließ meine Augen probehalber funkeln. Meine Mitfahrer versenkten alle, wie in der Stadt üblich, ihren Blick tief in sich selbst.
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Berlin - Ostrach, 09.06.2004 - Gerhard Winkler; Text zuletzt überarbeitet: Berlin, 21.02.2009.
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