"Ich komme von einem Stressinterview beim Kleidungshersteller. Die Chefin hat viele Fragen in dichter Abfolge gestellt und meine Antworten teilweise unterbrochen, obwohl ich mich kurz fasste. "Wie haben Sie das eigentlich überhaupt geschafft, so ein gutes Zeugnis von X.X zu bekommen?" Solche provokanten Fragen prasselten auf mich ein. Sie legte mir Aussagen in den Mund, die ich nicht gemacht hatte und erfragte mehrfach dasselbe in leicht abgewandelter Form.
Im Laufe des Gesprächs wurde ich gefragt, ob ich schon Blusen gemacht hätte. Da reagierte ich ehrlich. Ich habe verneint. Am Ende wollte mich die Chefin verabschieden, rief dann aber völlig unerwartet einen Mitarbeiter herein. Ich musste eine Testaufgabe lösen: Anprobe einer Bluse plus ihre schnitttechnische Verbesserung. Darauf war ich überhaupt nicht vorbereitet. An dem Punkt war ich leider schon komplett verunsichert. Ich fühle mich jetzt wie der komplette Versager." (G.R.)
– Ihre Interviewerin war kurz angebunden. Sie reagierte auf Ihre Darlegungen ungläubig, ungehalten, höhnisch oder abqualifizierend. Ihre Aggressivität hat Sie erschreckt. Die Fragen kamen willkürlich. Sie wurden mehrfach überrumpelt und für Ihre Erklärungsversuche sogleich verbal abgestraft.
Sie sind erstarrt, haben sich geduckt, suchten nach Schutz, wollten aus dem Raum oder zumindest unter den Tisch. Die Interviewerin gebärdete sich wie eine Doberfrau an der Grundstücksgrenze. Sie haben nur gehofft, dass der Zaun hält.
Am Schluss hat man Ihnen noch einen Auftrag erteilt, von dem man wusste, dass Sie ihn nicht zur Zufriedenheit abarbeiten konnten.
Die übliche Erklärung, wozu man einen Bewerber dermaßen unter Druck setzt: Das stressige Gespräch soll die besondere Belastung am Arbeitsplatz abbilden und als Belastungsprobe dienen. Wer auf die rauhe See will, darf sich nicht vor kalten Güssen fürchten.
Wenn das zuträfe, hieße das, dass man im Job fortwährend persönlich angegriffen und demontiert wird. Stress am Arbeitsplatz hängt gewiss von der Menge und Intensität der Arbeit, vom zeitlichen Rahmen, vom menschlichen Mit- und Gegeneinander ab. Permanenter Stress im Jobinterview bedeutet, der Rekrutierer ist ein Schrecklich Armseliger Cäsarenhafter Kleingeist. Der Chef stresst, und er weiß selbst:
Schlechte Jobmärkte generieren die Schlechtigkeit der Jobverteiler. Sie spielen mit Ihnen Völkerball. Der Jobanbieter wirft Ihnen etwas Schweres an den Kopf, und Sie haben zu ducken. Sofern Sie sich diensteifrig bücken und beflissen in den Staub werfen, wird er Sie dafür verachten. Wenn Sie aber nicht flink den Flachmann markieren und sich ihm ungeschützt stellen, schmerzen die Treffer.
Der Jobanbieter wirft die Spielregeln um und kreiert dieses erbärmliche Katz- und-Bewerber-Spiel. Sie haben sich darauf verlassen, dass der Lebenslauf vorab analysiert wurde, dass man mit Ihnen die zentralen Punkte des Werdegangs und der Qualifikation durchgeht, dass für einen angenehmen Rahmen gesorgt wird, dass man die rechtlichen Grenzen eines explorierenden Gesprächs einhält.
Sie können an der Körpersprache des Interviewers ablesen, ob er mehr aus Angst um seine couilles oder mehr aus Sorge um seine Kröten agiert. Man faucht und tigert vor Ihnen umher oder man baut sich vor Ihnen als leibhaftig drohendes Hindernis auf. Hoffen wir, dass der Jobanbieter nur ähnlich verbittert agiert wie ein leidgeprüfter KFZ-Besitzer, dessen notorisch unzuverlässiger Piech Flagrant Kombi endgültig ausgedieselt hat. Der nächste Schrottanbieter wird etwas zu hören bekommen! Zufällig scheinen Sie dieser Nächste zu sein.
Sie würden als KFZ-Verkäufer diese Person aufnehmen, annehmen und alles tun, damit sie sich erleichtert: Ein offenes Ohr zeigen, dem vorwurfsvollen Blick mit einem Ausdruck an gütiger Kompetenz entgegnen, sichtlich mehr erfahren wollen, ihr zustimmen. Warten Sie, bis der Kunde nicht mehr aus allen Druckventilen pfeift. Erst dann ist er aufnahmefähig. Sprechen Sie erst von Ihren Leistungsdaten und Ihrem Angebot, wenn man in der Lage ist, es zu würdigen.
Sofern ein Jobanbieter aber sichtlich Lust daran findet, aus Ihnen Kleinholz zu machen und sobald Sie erkennen, dass Sie vorrangig Ihre Selbstachtung zu schützen haben, ergreifen Sie Gegenmaßnahmen:
Oder Sie steigen aus. Meine Empfehlung für den Fall – und nur für diesen – dass man Ihnen einen Sack überstülpen und dann draufschlagen will:
1. Tempo forcieren.
Wenn ein Rekrutierer viele kleine spitze Fragen einhämmert oder in rascher Folge Hammerfragen stellt:
- Flugs umschalten auf Telegrammstil. Nach der Kürzestantwort: "Nächste Frage bitte!"
Wie im Tennis-Match jeden Ball sofort zurückschlagen! Nicht versuchen zu erklären, zu überzeugen oder zu informieren! Kontern Sie zunehmende Aggressivität nicht mit Streitlust oder Gereiztheit. Reagieren Sie dagegen sichtlich belustigt:
"Gehen Ihnen die Fragen aus? Sie wiederholen sich."
„Sie haben mich das bereits gefragt, aber ich wiederhole mich gern.“ (So nur reagieren, wenn die Frage noch nicht gestellt wurde.)
"Sie haben vergessen zu fragen, warum ich ausgerechnet für Sie arbeiten möchte."
Falls ein Interviewer auf seiner vermeintlich superioren Rolle herumreitet: Schauen Sie ihm in die Augen, stützen Sie Ihre Ellbogen auf den Tisch, bilden Sie mit den aneinander gelegten Fingerspitzen ein Dach. Blicken Sie darüber, von oben nach unten. Ändern Sie die Geste zur Haltung eines betenden Menschen, bevor Sie zum Antworten ansetzen. Schauen Sie dabei abgeklärt, als ob Sie die Weisheit mit Klosterlöffeln gegessen hätten. Ihr Gesprächspartner wird Sie hassen, aber er wird Sie auch zunehmend fürchten. Sein Verhalten ist schließlich auch von Revierangst geprägt.
2. Ausbremsen.
Schieben Sie beim Zuhören den Daumen unter das Kinn, legen Sie den zum Himmel gereckten Zeigefinger an die Wange, reiben Sie sich damit ab und zu die Augen, vor allem dann, wenn Sie nicht mit ansehen mögen, was der Gegenüber gerade verzapft.
Oder reiben Sie sich vergnügt die Hände, so als ob Sie auf diese famose Frage nur gewartet hätten.
"Sie spendieren mir einen Kaffee. Dann kriegen Sie auch meine Story."
"Ich stelle mich auf Ihr Fragentempo ein. Stellen Sie sich bitte auf mein Antwortentempo ein."
"Sie fragen so fundiert. Jetzt darf ich Ihnen auch eine substantielle Antwort geben."
"Endlich mal jemand, der weiß, wie man die richtigen Fragen stellt! Bitte wiederholen Sie noch einmal die letzte."
"Ich habe den Eindruck, Sie finden nicht recht ins Gespräch. Wollen Sie sich nicht ein bisschen entspannen und mir erst einmal in Ruhe zuhören?"
3. Korrigieren.
"Sie beleidigen meinen früheren Arbeitgeber, da Sie unterstellen, dass das Zeugnis nicht korrekt zustande gekommen ist."
"Sorry. Sie zwingen mich, Sie zu korrigieren."
"Ich muss darauf insistieren, dass das nicht so stehen bleiben kann."
"Sie verdrehen mir das Wort im Mund. Mit Verlaub, das kann ich nicht dulden."
"Sie stellen mir keine Fragen. Sie präsentieren mir Ihre Vorurteile."
4. Gegenangriff
"Ich fürchte, Sie haben in irgendeiner Form Angst vor jungen Modemachern."
"Sie erwarten jetzt nicht, dass ich von Ihnen beeindruckt bin."
"Führen Sie eigentlich auch in dem Stil, wie Sie Ihre Mitarbeiter rekrutieren?"
„Da, wo ich herkomme, wurden die Mitarbeiter für ihre guten Antworten bezahlt. Aber dort wurden auch die richtigen Fragen gestellt.“
Halten Sie den Blick mitten auf die Stirn des Gesprächspartners – dort, wo sich die Spitze eines von den beiden Augen als weiteren Eckpunkten gebildeten Dreiecks befindet. Blinzeln Sie nicht und wenn Sie sich mit dem Blick des Anderen messen, verengen Sie aber ein bisschen die Augen. Sie brauchen nicht tatsächlich zum Sprung ansetzen. Es reicht, wenn Sie vermitteln, dass Sie kurz davor stehen.
4. Abbrechen.
"Ich gebe Ihnen mal einen Zwischenstand durch: Ihre Firma überzeugt mich nicht. Sie begeistern mich nicht. Das Beste an diesem Gespräch ist der Blick aus dem Fenster. Wollen Sie heute etwas tun, um mich zu gewinnen?"
Jobanbieter brauchen einen nicht einzustellen, aber sie können einem darüber hinaus auch nicht schaden. Gewiss sollte man es sich zur Regel machen, dass man die Haltung nicht verliert und die guten Manieren nicht vergisst.
„Legen Sie Ihr Misstrauen ab. Und geben Sie sich doch selber die Chance, mir zu zeigen, dass Sie ein guter Arbeitgeber sind.“
„Sie enttäuschen mich. Ich hatte gerade von Ihnen erwartet, dass Sie meine Kompetenz erkennen.“
„Wollen Sie mir einbläuen, dass Mode ein hartes Geschäft ist? Ich habe schon Lagerfeld weinen sehen.“
Entschiedenheit, Standhaftigkeit, Selbstbewusstsein und berufliches Ehrgefühl, kurzum den Schneid lässt man sich in keinem Interview abkaufen! Sie gehen in das Interview mit einem Jobclaim, mit einer Agenda und mit einer Kernbotschaft. Vielleicht kriegen Sie die Botschaft nicht rüber. Vielleicht bringen Sie Ihre Agenda nicht durch. Ihren Jobanspruch lassen Sie unter keinen Umständen beschädigen.
Noch einmal Ihr Reiz-Reaktionsschema:
Kurze Fragen – kurze Antworten
Stakkato-Fragen – Luft rausnehmen
Interviewer ist ungeduldig – unendlich geduldig sein
Interviewer wirkt nicht zufrieden – Unzufriedenheit ignorieren *
Interviewer wird persönlich – als Jobprofi antworten *
Interviewer wirkt unzufrieden – als Kunde behandeln **
Interviewer zweifelt Kompetenz an – nicht dagegen an-argumentieren
Interviewer ist negativ eingestellt – das eigene Positive kommunizieren
Interviewer droht weiter – belustigt reagieren ***
Interviewer hebt das Bein – nicht anpinkeln lassen
Interviewer bleibt konstant aggressiv – austrinken, danken, gehen
Interviewer stellt Ad-hoc-Aufgabe: Freudig annehmen ****
* Fokussieren Sie sich allein darauf, Ihre Jobeignung zu kommunizieren. Der Jobanbieter hat Ihre besondere Befähigung zu erkennen. Nicht Sie haben die gerunzelte Stirn des Jobanbieters zu verstehen.
** Seine negative Einstellung beruht auf persönlicher Erfahrung. Bringen Sie diese Erfahrung in Erfahrung.
*** Er ist im schlimmsten Fall immer noch nur einer aus der Gruppe derer, von denen Sie im Leben nicht eingestellt werden. Rund 6,5 Milliarden Menschen gehören dieser Gruppe an.
**** Man wird sich im Nachhinein hauptsächlich daran erinnern, ob Sie die Aufgabe begeistert und beherzt angegangen sind oder feige und kleinlaut.
Berlin, 10. August 2009.
Ich schreibe für den verständigen Leser. Halten Sie bitte auch mich auf dem Laufenden: über den Jobmarkt, über Ihre Bewerbungswege, Erfahrungen, Abenteuer und Erfolge. Was vermissen Sie auf jova.nova.com? Was sehen Sie anders? Ich freue mich über Ihr Feedback!
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