Ich war gestern im Bewerbungsgespräch, schreibt eine Leserin an jova-nova.com. «Es ging um eine Stelle als Sachbearbeiterin im Informationsmanagement. Mit anderen Worten, ich würde Internetseiten aktualisieren. Eine Arbeit, die mir sehr großen Spaß macht.
Ich bin 25, gelernte Bürokauffrau, mit Zusatzausbildung als Call Center Agentin. Danach habe ich bei den Kamagucci-Brüdern eine Poststelle aufgebaut und geleitet. Als ich nach Offenbach umzog, wechselte ich zu Main-JoVa und war dort für die Internet Hotline zuständig. Darauf arbeitete ich bei Uli Ludwig als Sekretariatsassistentin, stieg dort zur Junior Consultant auf. Und nun arbeite ich als SAP-Assistentin bei der HIOB - Hanauer Innovative Obst-Bau AG.
Da ich leider nur einen Zeitvertrag habe, muss ich mich umschauen.
Mein Problem: Ich fühle mich immer so unsicher im Bewerbungsgespräch und werde ganz nervös. Ich kann auch nicht abschätzen, ob ich das Richtige sage. Gestern hatte ich wieder ein Gespräch. Man stellte man mir unter anderem die Frage: "Was macht für mich ein guter Chef aus?"
Meine Antwort war: «Man sollte mit ihm reden können. Offenheit. Er sollte gerecht sein.»
Dann wurde ich nach meinen Stärken gefragt. Ich antwortete: «Belastbarkeit und Ausdauer. Ich bleibe am Ball gebe nicht so schnell auf.»
Meine Schwächen: Da fiel mir „ich verlange manchmal zu viel von anderen“ ein, da das sogar stimmt. Und natürlich Ungeduld.
Am Gesprächsende wird man dann ja immer gefragt, ob man noch weitere Fragen hat. Meine lautete: «Wie sind bei Ihnen die Arbeitszeiten definiert?» Da man ja im ersten Gespräch nicht nach dem Gehalt fragt, ist mir nur diese eine Sache eingefallen.
Der Personaler hat mich leider noch gefragt, ob ich etwas über die Firma wüsste. Wer denn der Vorsitzende ist usw. Da ich aufgrund eines Umzugs derzeit keinen Internetzugang habe, und ich außerdem die ganze letzte Woche über krank im Bett lag, konnte ich absolut nichts über den Betrieb nachlesen. Ich habe das einfach wahrheitsgemäß gesagt. Ob das so gut war?
Oh, und dann habe ich noch erzählt, dass ich mich auch bei der Agentur Dreineun beworben habe. Ich fürchte fast, dass dies bestimmt nicht so das Gelbe vom Ei war. Mein Problem ist echt, dass ich mich nicht verkaufen kann! Ich packe die Arbeit, aber ich verstehe mich eben nicht darauf, mich zu produzieren. Könnten Sie mir da ein paar Tipps geben? Und meinen Sie, man könnte dieses Vorstellungsgespräch noch retten? Dadurch, dass ich im Nachhinein nochmals anrufe oder so?»
Meine Antwort:
Für Sie spricht zuerst einmal eine berufspraktische kaufmännische Ausbildung. Und darauf haben Sie gut aufgebaut. Ohne Zweifel schaffen Sie's schon nach wenigen Berufsjahren, Büro-Abläufe toll zu organisieren und zu managen. Sie sind teamerfahren und kennen sich in IT ganz gut aus. Sie können mit Office-Anwendungen, Customer Management Programmen und bestimmt auch mit Content Management Systemen umgehen. Sie sind sprachgewandt, freundlich und sicher im Auftreten – immerhin haben Sie sich im aufreibenden Call Center und auch im Help Desk bewährt. Sie haben unterschiedliche Chefs erlebt und überlebt. Und das alles mit 25. Ich finde, Sie haben etwas von einer Senkrechtstarterin. Sie sagen: «Mein Problem ist echt, das ich mich nicht verkaufen kann.» Aber Sie müssen sich ja gar nicht verkaufen! Es reicht schon aus, wenn Sie sich nicht verleugnen. Und das haben Sie sicher auch nie getan. Sie haben sich in Ihrem Berufsleben da und dort beworben, sind ausreichend oft eingeladen worden. Bisweilen haben Sie sich im Gespräch unsicher gefühlt. Vor allem anfangs haben Sie Situationen schlecht einschätzen können. Und manchmal hatten Sie das ungute Gefühl, soeben nicht das maximal Positive gesagt zu haben. Und wissen Sie was: Das blieb immer innerhalb der Toleranzgrenze. Beweis: Sie haben Ihre Jobs alle ergattert.
Auf die Frage, was einen guten Chef ausmacht, haben Sie im letzten Interview glänzend pariert. Ihre Antwort besagte nichts anderes als: «Offenheit, Fairness, Gesprächsbereitschaft, das sind meine eigenen Tugenden. Und die erwarte ich auch von demjenigen, dem ich zuarbeite.»
Ihre Stärken und Ihre Schwächen stammen nachgerade aus dem Lehrbuch für engagierte Mitarbeiter und dynamische Führungskräfte. Man könnte meinen, Sie wüssten genau, was Personaler hören wollen.
Die Frage nach der Arbeitszeit ist legitim. In manchen Funktionen kommt man so früh man kann und geht, wenn man nicht mehr kann. Als Sachbearbeiterin im Informationsmanagement ist es jedoch kein Fehler, sich nach den betrieblichen Vorgaben und Gepflogenheiten zu erkundigen.
Dass Sie sich nicht über das Unternehmen, seine Macher, seine Geschichte, seine Marktstellung und seine Perspektiven in Kenntnis gesetzt haben, ist nicht gut. Als Bettlägerige lässt man sich da heiße Hühnerbrühe plus Business-Informationen ans Bett bringen. Wenn Sie offensichtlich beruflich sehr eingespannt sind, können Sie jedoch sagen, dass Sie nicht die Zeit gefunden haben, extensiv zu recherchieren – und dennoch mit einigen Kenntnissen glänzen. Aber auch hier gilt: Findet man insgesamt, dass Sie eine starke Bewerberin sind, dann fallen nicht so glückliche Antworten kaum ins Gewicht. Missglückt der Gesprächsstart, dann verstärkt jede unglückliche Replik den ersten schlechten Eindruck.
Doch was soll ungeschickt daran sein, einem Jobanbieter zu signalisieren, dass man sich zeitgleich anderswo bewirbt? Man wird keinen Namen nennen. Diskretion ist eine Bewerbertugend. Aber in manchen Fällen, wenn einem die Gegenseite arrogant kommt oder einen klein halten oder mit starken Mitbewerbern einschüchtern will, da braucht man Munition zum Kontern. Stoßen Sie den Jobanbieter nicht vor den Kopf, aber geben Sie ihm zu denken.
Sie haben sich nicht verbogen. Sie sind sich im Gespräch selber treu gewesen. Sie haben keinen Zweifel daran gelassen, dass Sie tüchtig, leistungsstark und fordernd sind. Fordernd gegenüber sich selbst und durchaus auch anspruchsvoll gegenüber einem künftigen Chef.
Im Vorstellungsgespräch duckt man sich genauso wenig, wie man sein Gegenüber an die Wand drängt. Vor allem junge Bewerber wollen manchmal unbedingt smarter sein als ein Geschäftsführer oder Personaler. Bei solchen Leuten, die eher Audienzen geben als sich einem Gespräch zu stellen, wünscht man, es gäbe einen Knopf unter der Schreibtischplatte, mit der man flugs die Personal-Polizei herbeiruft. Bewerber, die es einfach nicht können, machen sich entweder zu klein oder sie reden schlecht über sich oder sie geben sich als Ego-Protzer aus oder sie erklären dem Personaler, wie er sein Personal auswählen soll. Nichts von all dem kann ich aus Ihrem Gesprächsverhalten schließen.
Rufen Sie im Unternehmen an. Danken Sie für das Gespräch. Insistieren Sie nicht, ob man sich schon entschieden hat. Genauso gut können Sie aber auch eine Mail formulieren:
Sehr geehrter Herr Kieser,
über unser gestriges, sehr nettes Gespräch habe ich noch länger nachgedacht. So fragten Sie, was für mich einen guten Chef ausmacht. Ganz klar: Nach meiner bisherigen beruflichen Erfahrung sind die besten Vorgesetzten stets die gewesen, mit denen man sich gemeinsam über gemeinsam errungene Erfolge gefreut hat.
Lassen Sie mich die Gelegenheit nutzen, um Ihnen zu versichern, dass ich sehr gern zum Erfolg des Floribelle Märchenparks beitragen würde. Web-Content betreuen und zum Informationsmanagement beisteuern, das sind Aufgaben, die ich nachweislich meistere, und die ich auch sehr gern mit Schwung und Energie für Sie übernehme.
Ich würde mich freuen, bald wieder von Ihnen zu hören.
Mit herzlichen Grüßen
Eine derart freundliche Mail, zeitlich so abgestimmt, dass sie während des Nachmittagstiefs in die Mailbox fällt und den Personaler anlacht: wirkt sie nicht anregend wie ein Latte Grande und aufmunternd wie ein Sonnenstrahl?
Text zuletzt überarbeitet: Berlin, 14.03.2009.
Ich schreibe für den verständigen Leser. Halten Sie bitte auch mich auf dem Laufenden: über den Jobmarkt, über Ihre Bewerbungswege, Erfahrungen, Abenteuer und Erfolge. Was vermissen Sie auf jova.nova.com? Was sehen Sie anders? Ich freue mich über Ihr Feedback!
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