In der Werbung ist bekanntlich erlaubt, was gefällt. Im Personalbüro überzeugt dagegen nicht alles, was beim ersten Hinsehen gefällig wirkt. In Sachen „sinnvolle Bestandteile einer Bewerbungsmappe" argumentieren Leser so:
„Ein paar Anregungen habe ich übernommen, aber an manchen Stellen möchte ich meinen eigenen Trotzkopf durchsetzen (schließlich bin ich Stier und kein Zwilling). Zum Beispiel möchte ich gerne die Deckseite behalten, weil ich finde, ein Foto auf dem LL sieht irgendwie besch... aus. Die Adresse usw. kommt auch auf das Deckblatt."
[b---@hotmail.com]
„Zunächst zum Thema Lichtbild: Was halten Sie von der Idee, das Bewerbungsfoto auf ein separates Blatt zu kleben, welches dann auf die erste Seite der Bewerbung (also noch vor das Anschreiben) kommt? Über das Foto eine große fette Überschrift mit dem Titel "Bewerbung" und unter das Foto ein Vermerk mit den Anlagen (die kann man sich dann im Anschreiben sparen)? Die Idee ist nicht von mir, aber ich finde sie sehr interessant und überlege mir, sie mal auszuprobieren (so fällt die Bewerbung in jedem Falle auf!)."
[V--U-- @--.fr]
Anja Rösler: „Zum Thema Deckblatt: Warum nicht mal ausprobieren?! Nicht alle Personaler fliegen auf asketisch-informative Bewerbungen ... vielleicht ist einer dabei, der auf optisch und AIDA-technisch interessant und etwas aufwendiger gestaltete Unterlagen steht. Zweifellos wird bei Stellenanzeigen, auf die eine Fülle von Bewerbungen eingehen, eine "optische" Vorauswahl getroffen wird. Dann werden optisch herausragende Ordner, ansprechend gestaltete Mappen aus dem Stapel herausgepickt oder beim Durchblättern der Bewerbungen interessant aufgemachte Anschreiben. Sicher kommt es darauf an, um was für eine Stelle man sich bei welchem Unternehmen bewirbt. Ist es ein eher konservatives Unternehmen? Ist es ein äußerst attraktives Unternehmen, bei dem man aus der Fülle der Bewerbungen herausstechen sollte? Ist es ein kreativer Job, um den man sich bewirbt?"
Michael Altieri: "Ein Deckblatt, das ich noch in Erinnerung habe: von links unten nach rechts oben gehender ca. vier Zentimeter breiter Strich, der sich in seinem Farbverlauf veränderte. Rechts unten standen Name und Adresse sowie Bewerbung als ... Hochschulabsolvent, Dipl.-Ing. Es fiel aber deswegen auf, weil es unter den zehn interessantesten Bewerbungen war. Dann erst kam das Deckblatt zur Geltung. Aber der Entschluss Einladung/Einstellung fiel unabhängig von der Aufmachung (die anderen schafften es auch ohne)."
Auch Sie finden opulente Augenschmeichler genial, sagen Sie's offen. Ich beabsichtige immer noch, in die Bewerbungsgeschichte einzugehen als der Mann, der Deckblätter hasste. Geniale Lösungen, die bloß dazu führen, dass man sich eine weitere Stunde hinsetzt und tüftelt? Wozu der Aufwand? Doch nur für ein verschenktes Blatt mehr.
Keine Zweifel, gut verpackt ist schon halb präsentiert. Es ist jedoch nicht von Nachteil, wenn ein Personalmensch als erstes Ihr Anschreiben erblickt und gleich danach, sobald er dieses aus der Mappe gezogen hat, Ihren Lebenslauf mit interessiertem Wohlgefallen mustert.
Aufwendige Bewerberpräsentationen führen nicht zum Bewerber hin, sondern lenken von ihm ab. Am längsten wird der Lebenslauf studiert. Ihr ansprechendes Foto auf diesem Papier wird öfter wahrgenommen, wirkt länger und mehr als auf einer Titelseite.
Alle Ihre relevanten Daten sollten sich auf dem Lebenslauf niederschlagen. Die Adresse ist ein notwendiges, aber kein aufregendes Element Ihres Datenblatts. Diesen Teil besonders gestalten oder gar hervorheben zu wollen? Haben Sie außerdem noch andere Hobbys? Und wenn Sie die Adresse gar dreimal an verschiedenen Orten einer schriftlichen Bewerbung (Anschreiben, Lebenslauf, Deckblatt) aufführen, dann lautet Ihre Botschaft nicht 'Ich bin hier und da zu erreichen', sondern schlicht 'ich bin umständlich'.
Vergessen Sie nicht, Ihre Bewerbungsmappe hat schon ein (transparentes) Deckblatt. Zusatzblätter bringen keinen Zusatznutzen, nur mehr Arbeit. Sie produziert jedoch derselbe Geist, der auch für Zierdeckchen und Schutzhüllen und Telefonhäubchen und Kleenexschoner zuständig ist. Wie alle Verfechter des Schon-, Schutz- und Schmuckgedankens verraten damit Verpackungsjünger bloß ihre ästhetische Unsicherheit.
Mit anderen Worten: Wer etwas bemäntelt, auffüllt, zukleistert, der kann einfach keine Leere aushalten. Darum schreiben viele im Inneren unsichere Bewerber auch ihren Namen groß und quer übers Deckblatt. (Darum stellen Bürger großartige Stadtplätze mit Blumenkästen zu, darum bleibt keine Wand von Bildern verschont, darum schreibe ich weiße Blätter schwarz …)
Wenn schon ein Deckblatt, dann soll es doch etwas absolut Ungewöhnliches transportieren:
Für eine Bauingenieurin die Zeichnung einer Kranführerin, darunter Text in schräger Schreibschrift (z. B. 'Just Lefthand' von Agfa): "Ich will bei Ihnen was bewegen!"
Für die Projektmanagerin ein cooles MS Project-Chart, das Timelines der eigenen beruflichen Entwicklung widerspiegelt.
Für das Praktikum in einer Agentur das selbstgebastelte, auf das Deckblatt geklebte Flipbook mit einer verwegenen Animation.
O je. Sie hören mir nicht mehr zu. Ich sehe, wie Ihre Augen leuchten. Gehen Sie und entwerfen Sie Ihr Deckblatt!
(Monterey/Berkeley 2.1.1999)
Michael Altieri:
Deckblatt also nur,
a) wenn Bewerber jünger - da gesteht man noch Kreativität und Naivität zu
b) wenn es wirklich im Zusammenhang steht (siehe o.a. Beispiele)
c) wenn man nichts zu verlieren hat, weil die beruflichen Erfahrungen nicht ausreichen, die Zeugnisse mies sind oder sich noch 6712 andere Staplerfahrer auf einen Arbeitsplatz bewerben, für den die Qualifikationen nicht so wichtig sind
Für hochklassige Jobs (langjährige Berufserfahrung oder >60.000 Euro p.a.) sind derartige Aufmachungen aber pures Gift.
Fazit: Man kann es machen, aber eigentlich unnötig. Das Verhältnis Aufwand/Ertrag stimmt hinten und vorne nicht.“
Beiträge © Anja Rösler, © Michael Altieri
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© 1998 - 1999 GERHARD WINKLER, Text zuletzt überarbeitet: Berlin, 17.02.2009.
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