Unterwegs zur Weihnachtsfeier: Der Himmel leuchtet
Jede vorweihnachtliche Firmenfeier besteht aus zu viel Firma, zu wenig Feier und einem Restbestand Weihnacht. Bei diesem Ereignis lässt die Geschäftsführung keinen zurück. Unterstützen Sie das Eventmanagement, indem Sie klaglos kommen, fraglos feiern und sich arglos mitfreuen. In Organisationen bilden sich stets freiwillige Feierwehren. Weihnachtsfeier ist schließlich eine Art Katastropheneinsatz. Eine Karriere-Katastrophe für Sie wäre es jedenfalls, wenn Sie sich leichtfertig drücken.
Keine Entschuldigung rechtfertigt die Abwesenheit von der Office-Weihnachtsfeier. Auch im Fall eines plötzlichen Ablebens lässt man sich von den Hinterbliebenen ankarren. Markieren Sie nicht den toten Mann. Sehen Sie es als gute Übung, eine kleine Ewigkeit durchzustehen.
Tauchen Sie innerhalb der ersten Viertelstunde nach der festgelegten Startzeit auf. Dann erscheinen Sie mit der Menge. Kommen Sie überhaupt mit den Leuten und gehen Sie mit den Leuten. Manche erscheinen vor dem offiziellen Beginn, um von der freien Platzwahl zu profitieren. Wer sich zu forsch neben den Chef plaziert, macht vielleicht die Erfahrung, dass der Chef die Sitzordnung ändert. Frühkommer folgen meist auch ihrem inneren Aufbruchsignal. Unmittelbar nach dem Dessert ruft sie bereits die Pflicht zur Bettruhe. Man geht gewiss mit dem Segen des Vorgesetzten. Der nächste Tag wird wieder lang und schließlich bohren frühe Würmer dicke Bretter.
Das Office-Weihnachten ist vielleicht ein Vergnügen, aber nie ein privates. Achten Sie auf die Location – sie gibt Ihnen einen Hinweis auf den Dresscode. Das Restaurant Theodor Tucher verlangt ein höheres Maß an prestigeträchtiger Camouflage als der Palast der Winde. Kommen Sie nicht direkt von der Arbeit. Legen Sie eine Auffrisch- und Shirtwechselstation ein.
Aus Angst vor Smalltalk sucht man unter deutschem Tannengrün schnellstmöglich sichere Sitzplätze auf. Solange alle herumstehen, bleiben Sie selbst in Bewegung. Finden Sie für jeden im Raum ein nettes Wort. Kleben Sie nicht an den Bezugspersonen, mit denen Sie unter der Arbeitswoche sowieso glucken. Stellen Sie sich vor allem als Einsteiger selbst vor oder finden Sie jemanden, der Sie einführt.
Auf der Weihnachtsfeier reden auch Ochs und Esel nicht über den Stall und keinesfalls über das Geschäft. Man braucht kein langjähriger Mitarbeiter sein, um zu kapieren, welche Themen in der Gruppe emotional besetzt sind. Schneiden Sie keine strittigen Fragen an. Lassen Sie ironische, abwertende, kritische Äußerungen vor den anderen. Respektieren Sie den vorweihnachtlichen Burgfrieden.
Witzigkeit ist oft eine Schwäche - die Witzigtuer haben sich selbst nicht im Griff. Für befreiendes Lachen zu sorgen ist eine Kunst, die Selbstverleugnung, Souveränität und Geistesgegenwart verlangt. Spielen Sie nicht den Stegreif-Komödianten, sonst macht man Sie zum Firmenclown. Einen unlöschbaren Eintrag in die Personalakte sollte jedes öffentliche Witzeln über An- und Abwesende nach sich ziehen. Regen Sie Gespräche an, statt die Runde zu dominieren. Das diskrete Talent zur Moderation macht andere Leute kanzlerfähig und Sie zumindest allseits beliebt.
Weihnachtsfeier bedeutet für Chefs: Dafür sorgen, dass es den Leuten gut geht. Man mag jetzt nicht über Geld reden. Man führt zwischen Lachs und Crème brulée auch ungern Personalentwicklungsgespräche. Man mag überhaupt nach all dem Geschäft nur noch menscheln, nur noch die Wichtelbescherung leiten.
Firmenevents sind erstklassige Gelegenheiten, anderen das Du anzudrehen. Pure Schrecksteifigkeit macht daraus ein Problem. Sofern ein Senior vorschlägt, dass Sie ihn fortan duzen und als Peter anreden, dann petern Sie eben. Tags drauf wechseln Sie wieder zum sicheren Sie. Der Vorgesetzte entscheidet, ob er das am Vorabend abgesprochene Duzverhältnis verlängern mag.
Sie sind nicht allein. Ganz besonders nicht auf einer Firmenfete. Notiert wird, wie Sie sich mit Ihren Tischnachbarn verständigen, in welcher Frequenz Sie die Gläser leeren, wie Sie Messer und Gabel synchronisieren, wie Sie interessante Gesprächsthemen finden (Sie selbst sind keins). Mit Interesse vermerkt wird zweifellos auch, wie Sie sich für die Gelegenheit aufgehübscht haben und wem Sie schöne Augen machen. Nicht bei den teambildenden Gags und Spielchen mitzumachen wäre ausgesprochen hässlich.
Soziale Events für gemischte Mannschaften haben die Eigenart, dass anfangs alle damit beschäftigt sind, das Eis zu brechen und wenige Zeit später die ersten Kollegen schon den festen Boden unter den Füßen verlieren. Das kollektive Gedächtnis verzeiht vielleicht, aber es vergisst nicht.
Signalisieren Sie einem Gesprächspartner unbesorgt, dass Sie sich gut mit ihm verstehen. Senden Sie nur denkbar schwache Signale, falls Sie sich vorstellen könnten, unter etwas verringerter Distanz noch etwas mehr an Verstehensarbeit zu leisten. Die im Raum verteilten Antennen fangen auch die Spur eines verschwörerischen Lächelns auf. Auf einer Weihnachtsfeier zu flirten ist insgesamt keine gute Idee. Das Problem ist natürlich, dass die anderen Ideen auch nicht viel besser sind.
Reden, konsumieren, handeln Sie an Tisch und Buffet so, als ob Sie sich für Ihr gutes Benehmen positive Auswirkungen auf Ihre Karriere ausrechnen. Damit kalkulieren Sie nie falsch. Verderben Sie anderen und sich selbst weder Appetit noch gute Laune. Beweisen Sie Ihr Gespür für Timing. Brechen Sie auf, wenn Ihr Chef unterschwellig signalisiert, dass es für ihn selbst jetzt auch an der Zeit ist. Oder bleiben Sie, wenn die Gespräche gut sind. Das Ende der Weihnachtsfeier ist vielleicht der Anfang vom Rest eines netten Abends!
Dezember 2007 - Gerhard Winkler; Text zuletzt überarbeitet: Berlin, 24.02.2009.
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