Spontan kündigen ist wie blindlings über die Hauptstraße dackeln. Man treibt die Handlung voran, aber man riskiert ein abruptes Ende. Warten Sie aber auch nicht auf einen günstigen Moment, um Ihren Chef abzupassen und ihm die heikle Sache beizubringen. Der Höhepunkt Ihres Muts und das maximale Verständnis Ihres Vorgesetzten sind Punkte auf zwei Kurven, die sich nie kreuzen. Terminieren Sie ein Gespräch und nennen Sie als Gegenstand Ihren Arbeitsvertrag.
1. Führen Sie den Gesprächspartner keinesfalls behutsam zu Ihrem aktuellen Lieblingsthema: Warum ich nicht anders kann. Leiten Sie Ihre Absicht nicht mit langer Rede ein. Bauen Sie vor allem keine vorweggenommene Verteidigungslinie auf, indem Sie Ihre Beweggründe vorab aufzählen oder die letzten Wochen und Monate noch einmal Revue passieren lassen.
2. Sagen Sie direkt, ohne kritische Zusätze oder sentimentale Beimischungen, dass Sie das Beschäftigungsverhältnis fristgerecht zum Aschermittwoch kündigen.
3. Vor dem Kündigungsgespräch ist Ihnen vermutlich nicht wohl, da Sie mit gutem Grund annehmen,
dass der Vorgesetzte von Ihnen persönlich enttäuscht sein wird
dass er Ihnen vorhalten wird, was er und die Organisation alles in Sie investiert haben
dass er Sie beschuldigen wird, illoyal zu handeln
dass er fürchtet, Ihre Kündigung werde als Folge seiner miesen Personalführung gewertet
dass Ihre Kündigung das Boot, in dem die Mnnschaft gemeinsam sitzt, zum Schaukeln oder gar zum Kentern bringen wird.
4. Es ist völlig gleich, ob etwas von dem eintrifft, was Sie befürchten. Die Sorge, wie eine Kündigung wohl aufgenommen, verstanden und verarbeitet wird, ist gewöhnlich weit eher Ausdruck von Selbstüberschätzung oder gar von Ranküne als Zeichen einer ehrlichen Empathie.
5. Sie lösen gerade den ältesten aller Loyalitätskonflikte - dass man nicht zwei Herren zugleich dienen kann - auf eine regelgeleitete und zivilisierte Weise. Sagen Sie nicht mehr, als dass Sie den Arbeitsvertrag kündigen, beißen Sie auf Ihre Zunge und warten Sie die Reaktion ab.
6. Seien Sie nicht allzu sehr enttäuscht, wenn Ihr Vorgesetzter ohne Zeichen der Bestürzung oder des Bedauerns, vielleicht sogar geradezu erleichtert in die Modalitäten der Job-Abwicklung und der Übergabe einsteigt. Kooperieren Sie!
7. Sie kündigen vielleicht, weil Sie vor schrecklichen Menschen oder entsetzlichen Arbeitsbedingungen fliehen, die Sie trotz aller Anstrengung nicht ändern konnten. Es gibt nichts, was rechtfertigt, dass Sie diese triftigen Kündigungsgründe jetzt thematisieren. Noch nicht einmal, wenn man Sie dazu auffordert oder gar noch weiter provoziert.
Halten Sie sich vor Augen: Das Kündigungsgespräch ist nicht die vielleicht von Ihnen erhoffte große Abrechnung. Sie haben diese Auseinandersetzung unterm Strich bereits verloren.
8. Halten Sie sich bedeckt, was Aussagen über Ihre nächsten Handlungen und Pläne betrifft. Vielleicht hatte eine zu große Vertrauensseligkeit Sie dazu verleitet, den Job anzunehmen. Was haben Sie jetzt beim Aussteigen davon, den selben Fehler zu wiederholen?
9. Halten Sie ein Schriftstück bereit, indem Sie Ihre Kündigung aussprechen und übergeben Sie es während des Gesprächs. Kündigen Sie nicht schriftlich vor dem Gespräch, versuchen Sie nicht, das Gespräch zu vermeiden und kündigen Sie niemals per Mail.
10. Werten Sie Ihren Abgang als Erfolg, wenn es Ihnen gelingt, Ihren ehemaligen Vorgesetzten als Referenz Ihrer fachlichen Tüchtigkeit und Ihrer persönlichen Qualitäten zu gewinnen. Haben Sie nicht Ihr Bestes gegeben? Irgendwas machen Sie falsch, wenn Sie nicht bewirken, dass man auch nach Ihrem Ausscheiden lobend über Sie spricht.
Mai 2007; Text zuletzt überarbeitet: Berlin, 24.02.2009.
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