
Kein Dienstfahrzeug für Start-up-Mitarbeiter
Wer nie sein Brot mit Tränen aß, der hat noch nie für Start-up-Firmen gejobbt. Ich hatte in eigenen Wanderjahren das kurze Glück, von hoffnungsvollen Start-up-Gesellschaften engagiert zu werden. Gut, dass Laufen auch damals mein Plaisir war. Da blieb ich sozusagen im Training, wenn ich nach kurzer Zeit meinem Salär hinterherlief.
Seitdem ist meinem Konto einiges gutgeschrieben und noch mehr belastet worden. Doch niemals vergisst man das ungläubige Staunen, wenn man den Kontostand aufruft und das Gehalt ist einfach nicht da.
Auch für einige meiner Klienten, die gleichfalls bei Firmengründern angeheuert hatten, drifteten Einsatz und Vergütung ähnlich auseinander wie bei einer am Boden aufgerissenen Hose. Irgendwann wird die Blöße, die sich der Arbeitgeber damit gibt, geradezu unsittlich. Der Job meiner Kunden oder Kursteilnehmer floppte schmerzhaft und das betraf auch mich, den Berater, der seine Bewerber mit heißen Unterlagen und coolen Interview-Tipps zum Start-up-Komödianten geschickt hatte.
Die Show war gut, jeder hat dem anderen abgekauft, was dieser anbot, nur blieb einer mit seiner Leistung im Verzug. So formuliere ich nach dem Ende der Anstellung dem Flopfinder zwecks erneuter Jobfindung ein neues Anschreiben. Kostenlos, um ihn in seinem Schmerz zu trösten.
Hinterher sind alle klüger und vorher schon hätte man wenigstens dumm fragen sollen:
Drücken Sie sich nicht vor solchen Fragen. Sie sind unangenehm, aber skeptische Fragen und Einwände mit überzeugenden Argumenten zu entkräften ist nun mal der Job von Geschäftsgründern. Wenn man schon Sie nicht restlos überzeugt, wird man Kunden und Investoren nie und nimmer gewinnen. Beruhigen Sie sich nicht selbst mit dem Bona-Fide-Argument, ein Stellenanbieter wüsste schon, was er tut. Klar weiß er, was er tut, nur sind ihm bisweilen die absehbaren Konsequenzen egal.
Am besten, Sie legen überkommene Vorstellungen von Unternehmenskultur und Unternehmerverantwortung bereits am Empfang ab. Von der hypertrophen Uhr an der Wand bis zum Papierkorb aus recycelten Fließwesten stammt die gesamte Office-Einrichtung von den Design-Trollen aus Ivar. Nur der Kaffee wird Ihnen in einem angeschlagenen Promotionsbecher von Gomorra-Logistik gereicht. Die Mannschaft besteht aus einem Mitarbeiter, der Sie mit dem hoffnungsvollen Blick eines Menschen erwartet, der allein im Schneetreiben schon eine Stunde an der Bushaltestelle steht und sich langsam wundert, ob der Sommerfahrplan überhaupt noch gültig ist.
Im starken Kontrast dazu steht die visionäre Euphorie, der wundersame Zukunftsglaube des Firmengründers. Er wird Ihnen sein Konzept so überzeugend vortragen, dass Sie in sein Geschäft am liebsten investieren würden. Nun ja, auf Ihr Arbeitskapital ist er aus.
Glauben Sie nicht an den Gründer. Glauben Sie, sofern Sie Ihres Glaubens gewiss sind, an die Idee. Dort draußen bieten lauter Bill Gates einen Job an. Nur brütet nicht jeder die nächste IT-Revolution aus.
Das Business, in das es Sie zieht, ist aufregend, unsicher, oft international ausgerichtet und vielleicht gerade deshalb für Sie so attraktiv. Es erfordert sicheres fachspezifisches Wissen. Die Fähigkeit, sich in neue Technologien, Produkte, Ideen, Trends hineinzufinden. Die Bereitschaft, mit voller Kraft über längere Zeiträume zu agieren und seine ganze Zeit zu opfern. Improvisationsvermögen und die Findigkeit, unlösbare Probleme zu lösen. Vielseitigkeit und persönliche Uneitelkeit: Schließlich gibt es jederzeit so viel zu tun, dass keine Zeit dafür bleibt zu überlegen, ob man sich dafür nicht zu schade ist.
Ob Sie da mitspielen können und wollen, ist Ihre Sache. Beteiligen Sie sich am Risiko, doch klären Sie vorab, was für Sie drin ist. Das lässt sich klären. Verhandeln Sie hart!
Berkeley 1998 - Berlin 2009 – Gerhard Winkler
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