
Es gibt sie noch, man kann’s kaum fassen: Bewerbungsunterlagen, die wie von selbst aus den Händen in den Papierkorb gleiten.
Und wenn sie sich dafür verrenken müssen: Bewerber schaffen es immer wieder, sich konträr zu ihrer erklärten Absicht zu verhalten. Die Ausgangssituation: Man sucht einen Job und mehr oder minder ist man dafür auch geeignet. Peinlichkeitsfreies Präsentieren war aber kein Fach in der Schule. Glück für Bewerber: Die meisten Holprigkeiten sehen einem Stellenanbieter gnädig nach. Wer trifft auch stets den perfekten Ton - außer Bankangestellte, Bundespräsidenten und die auf Benimm getrimmten Absolventen einer privaten Business School. Mit den folgenden Methoden treiben Pech-Bewerber allerdings jeden Personaler auf die Palme.
1. Der Kandidat hat unbesehen ein älteres Anschreiben weitergeleitet. Im Satz über die Bewerbungsmotivation steckt noch der Name einer Konkurrenzfirma. Oder in der Briefanrede der Name eines Fremden. Bei einem sensiblen Empfänger schlägt das ähnlich ein, wie wenn er sein Schlafzimmer betritt und auf dem Fußboden einen fremden Slip bemerkt.
2. Der Stellenanbieter erhält eine weitere, wortgleiche Kopie des bewährten Anschreibens aus „Der kleine Zeilenschinder. Tausend, laut Stiftung Warentest sehr gute bis gute Bewerbungsvorlagen, Seite 39.“
3. Der Bewerber kann sein Glück gar nicht fassen und beschreibt wortreich, dass er alle verlangten persönlichen Stärken erfüllt. Er geht weder auf die geforderte Praxiserfahrung noch auf das Fachwissen und schon gar nicht auf die Ausbildungsabschlüsse ein. OK, das stand in der Jobanzeige ja auch weiter oben - also dort, wo kaum einer hin kuckt.
4. Dem Kandidaten gelingt es, in ein einziges Schreiben ein Maximum an jenen Reizwörtern zu packen, deren Lektüre bei Personalern so häufig Gallen- und Leberleiden verursacht: „hiermit - leider - konnte ich - betraut - Umgang mit Menschen - schon immer - fasziniert.“
5. Der Job verlangt explizit nach einem wetterfesten Haudegen mit Fältchen um den Augen und Kapitänsbinde um den Arm, und es meldet sich dafür der Benjamin des Absolventenjahrgangs 2005.
6. Die Präsentation gipfelt im unschlagbaren Argument: „Als Linguistin gehe ich gern mit Sprachen um.“
7. Was er in seinem Kurz-Angebot mit 1700 Anschlägen und einem 2,5-seitigen Lebenslauf knallhart und knackig präsentieren könnte, packt der Deutsche-Angestellten-Bewerber in Anschreiben, Deckblatt, Inhaltsangabe, 4-Seiten-Lebenslauf, Persönliche Seite 3, einem Extrablatt Aufgaben & Projekte und 18 Seiten Nachweisen. Letztere inklusive dem Schein über das betriebliche Praktikum in 09/1992. Das Ganze in einer Mappe mit Prägedruck BEWERBUNGSUNTERLAGEN.
8. Aus den weit offenen Mündern der Marketingleute kriechen Würmer. Animiert vom Tanz der lebenden Toten, denkt der Bewerber, auch ich muss mich besser verkaufen. Und der Vermarkter-Talk fließt wie Honig: „Meine hohe Einsatzbereitschaft verbunden mit Organisationsvermögen, Ausdauer und Kreativität ermöglichen es mir, Aufgaben diverser Art gewissenhaft zu erfüllen.“ Und um noch die letzten Bedenken weg zu blasen: „Überzeugen Sie sich und gewinnen Sie einen Sympathieträger mit Know-how.“
9. Unterhalb der freundlichen Grüße in der Mail des Bewerbers findet sich der freundliche Hinweis „3 - 2 - 1 ... meins!“ eines bekannten Online-Aktionshauses. In Form eines eingeblendeten Banners. Statt sich auf die Bewerbung zu konzentrieren, denkt der Personaler: Diese Nutzer kostenloser Mailkonten sind wirklich nichts als nützliche Litfasssäulen. Sie knallen unerwünschte Werbung auf meinen Schreibtisch. Wieso muss eigentlich immer ich ausbaden, dass dieses Volk zu geizig ist, um sich werbefreie Mailkonten zu leisten? – Na warte.
10. Das Mailfenster klebt am Bildschirm, also klickt der Bewerber auf Senden. Einen Brief hätte man ausgedruckt, liegengelassen, später noch einmal selbst überflogen und eins, zwei weiteren Testlesern vorgelegt. Tippfehler sieht immer ein anderer. Und dass ein Text hakelt und sich nicht flüssig liest, bemerkt man erst aus der mentalen Distanz des zweiten Blicks. Mail mag oft wie SMS oder Chat sein, aber eine Bewerber-Mail ist immer ein geschäftlicher Vorschlag.
Sich zum Zweck des Broterwerbs in eine beliebige Organisation hinein zu verhandeln, verlangt vom Bewerber eine enorme Anpassungsleistung. Bewerben funktioniert regelgeleitet, aber eine Präsentation beruht keinesfalls auf Abkupfern der Inhalte. Für berufliche Selbstvermarkter ist simples Nachplappern ebenso wenig angesagt wie ungezwungene Ungehobeltheit.
Wie bewirbt man sich aber in unseren arbeitsfeindlichen Zeiten, in denen der Wettbewerb um bezahlte Arbeit so hart und mühsam geworden ist? Wo Unternehmer nur noch unternehmen wollen und nicht mehr einstellen? Wo Arbeitnehmern die Arbeit genommen wird? Wo die Alternative umtriebiger Leistungsanbieter oder flurgeschädigter Leistungsempfänger heißt? Betrachten wir zwei typische Ausgangssituationen:
Eine ausgeschriebene Stelle, dreihundert Bewerber. Machen Sie Ihre Bewerbung nicht noch fetter, teurer, aufwendiger. Wenn sich die Masse vor dem Eingang drängt, nerven die Dicken in der Menge noch mehr. Die Informationsmenge deshalb drastisch beschneiden. Sorgsam darauf achten, dass man alle Schlüsselwörter liefert - nur darauf schauen die Praktikanten nur das analysieren Computerprogramme, die für das erste Screening zuständig sind. Immer brutal direkt, konkret und schnörkellos argumentieren.
Keine ausgeschriebene Stelle, pro Woche hundert Bewerber. Wozu sich an die Personalabteilung wenden? Besser wäre, genau die Person zu finden, die eine Organisation oder einen Bereich führt und die für die strategische Planung zuständig ist. Diesen Hauptplaner und Chefentscheider höflich ansprechen und ihm ein knappes Briefing geben, was man selbst zum Vorteil des Unternehmens oder des Bereichs konkret zu leisten vermag. Oder aber die Person identifizieren, an die man als Mitarbeiter direkt berichten würde. Alle anderen Menschen im Unternehmen können als Fürsprecher oder Agenten fungieren. Aber sie entscheiden nicht letzten Endes über eine Jobzusage.
Vor dem Bewerben und noch einmal vor dem Interview legen Sie die Messlatte des Managers an: Jobtauglich? Mannschaftstauglich? Irgendetwas von vorne herein problematisch? Zeichnen sich im Profil, im Werdegang schon Konflikte und Bruchlinien ab, die sich auch in der neuen beruflichen Verpflichtung zum Schaden der Organisation auswirken könnten? Im Interview selbst reagieren Gesprächspartner allergisch auf Überheblichkeit, Unhöflichkeit, Unpünktlichkeit, Herumtaktieren und mangelhafte Gesprächsvorbereitung.
Es gibt übrigens auch böse strategische Bewerber-Fehler: Sich für die falsche Sache in der falschen Firma bewerben, die Zusage bekommen und den Alptraumjob antreten. Oder eine Karrierechance nicht zu nutzen, weil man zu feige, zu eingerostet oder zu träge ist.
Schreiben Sie Ihren Press-Release!
1. Bevor Sie sich schriftlich bewerben, sondieren Sie Ihre Chancen.
2. Dazu fragen Sie sich notfalls durch, bis Sie einen Verantwortlichen erreichen, der über eine Jobzusage (mit) entscheidet.
3. Bevor Sie aber kontakten: Formulieren Sie eine fiktive Presse-Veröffentlichung, in der die Organisation bekannt gibt, dass man Sie und wozu man Sie eingestellt hat. Vergessen Sie nicht, auch Ihre beruflichen Hauptstationen und -erfolge mit einfließen zu lassen.
4. Stellen Sie sich nicht bei der Organisation vor, wenn Ihnen nicht einfällt, was sich dank Ihres Engagements positiv ändern würde. Insbesondere Gesülze und Schönreden signalisieren, dass Sie nichts Substantielles beitragen.
5. Beim Kontakten dient Ihr Press-Release als Argumentationsvorlage
13.02.2005; Text zuletzt überarbeitet: Berlin, 25.02.2009.
Ich schreibe für den verständigen Leser. Halten Sie bitte auch mich auf dem Laufenden: über den Jobmarkt, über Ihre Bewerbungswege, Erfahrungen, Abenteuer und Erfolge. Was vermissen Sie auf jova.nova.com? Was sehen Sie anders? Ich freue mich über Ihr Feedback!
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