Wie man als Blindbewerber tausendundeinen Jobanbieter so anspricht, als wäre jeder von ihnen der Einzige
Im Forum einer Jobbörse berichtet Jobsucher C. von einer November-Veranstaltung des Arbeitsamts zum Thema "Selbstvermarktung":
"Dort wurde uns die folgende, angabegemäß sehr erfolgreiche Bewerbungsstrategie vorgestellt: Man bestimmt seine persönliche Zielposition und legt daraufhin Zielgruppen bzw. Branchen fest, an die man eine Kurzbewerbung schickt. Die Kurzbewerbung besteht aus 1 Seite Anschreiben (Serienbrief) und 1 Seite Lebenslauf. Man soll zwischen 200 und 500 Kurzbewerbungen verschicken, bekommt einige Einladungen und hat innerhalb weniger Wochen einen Job. Das Ganze soll unabhängig von Beruf, Ort oder Alter funktionieren."
Sie fragen sich jetzt sicher: Woher so viele Adressen nehmen? Doch das ist nicht der springende Punkt. Fragen wir uns zunächst, wie ein Massen-Mailing überhaupt funktioniert.
Aussendungen in sehr großer Zahl, das zeigt alle Erfahrung, produzieren auch Antworten. Eine Massen-Mail überwindet dabei sehr hohe Barrieren. Zum einen bleibt sie oft in einem Spam-Sieb hängen und wird ausgesondert. Zum zweiten wirken Vernunft und Erfahrung der Briefempfänger als sehr mächtige Filter. Und wer heute nicht einmal einen Teil der täglich eingehenden internen Post abarbeitet, der wird kaum auch noch das zusätzlich angelandete Mail-Treibgut beachten.
Dennoch gilt fürs Kontakten ausnahmslos die Regel: Je mehr Leute man adressiert, desto mehr Leute geben auch Antwort. Kenner der menschlichen Seele wissen, dass man als erfolgreicher Versender energisch an die ganz großen Auslöser menschlichen Handelns appelliert: An Gier, Angst, Neid, Liebesbedürfnis ... und im Fall von Jobanbietern nicht zuletzt an ihr ungebrochenes Interesse, einmal den großen Mitarbeiter-Fang zu machen.
Die Gegner der Massenmail sind Befürworter des Direktmailings. Gegen die Massenmail wird eingewendet, sie sei nicht auf den Adressaten fokussiert. In großer Zahl versandte Blindbewerbungen kommen aber an, weil sie auf einen genau definierten Job hin ausgerichtet sind. Es reicht, dass die vielen Mailempfänger wenigstens ab und zu diese bestimmte Position besetzen. Bedarf kann sehr ungleichzeitig sein, aber ein bestimmter Bedarf ist irgendwo immer auch jetzt.
Für Blindbewerber ist jede einzelne Mail ein perfekter Agent in eigener Sache. Seine zeitgemäße Bewerber-Präsentation hält man unaufwendig, einfach, klein und kostengünstig. Die neuen Bewerbungsagenten schwärmen in großer Zahl aus. In einer globalen Welt kodieren flexible Jobsuchende ihre Blindbewerbung zudem für einen universellen Einsatz. Englisch versteht man weltweit, und die Mailversender aus Indien oder aus der Ukraine tragen Sorge, mit einem guten Englisch ihre Einsatzfähigkeit zu beweisen.
Wer aus Neugier eine dieser global kursierenden Leistungsangebote öffnet und studiert, der merkt erstaunt: Die flinken Agenten transportieren eine echte Informationslast. Moderne Blindbewerber adressieren global und argumentieren ganz konkret. An den Leiter von jova-nova.com war zum Beispiel eine Mail gerichtet, in der eine junge ukrainische Bewerberin schnell zur Sache kam und vorschlug:
"Was ich für Sie tun kann: Ich kann Ihre E-Mail beantworten, Support für Ihre Kunden leisten, Ihre Web Site betreuen ..."
Die Verfasserin dieser Blindbewerbung bleibt nie vage. Sie kalkuliert zu Recht, dass ein möglicher Jobanbieter um so eher reagiert, je genauer sie seine eigene Interessenslage trifft. Von ihr kann man als Bewerber lernen. Wer auch immer als Jobsucher sein Leistungsangebot massenhaft versendet, der tut gut daran, seine Jobagenten mit sehr konkreten Argumenten auszurüsten.
Mein Rat an Stellensuchende: Zeigen auch Sie, dass Sie verstanden haben, worauf es dem Jobanbieter ankommt. Auf der Empfängerseite gibt es nämlich nie so etwas wie eine unspezifische Interessenslage.
Der erfolgreiche Blindbewerber nimmt also nicht nur einen möglichen Bedarf, sondern einen ganz konkreten Bedarf an. Und letzten Endes zielt jede Bewerbung auf eine genau benennbare Job-Position ab. Die 23jährige Bewerberin erklärt in ihrer erstaunlichen Mail, wer sie ist, welchen Platz sie einnehmen möchte, was sie dort erledigen will und wie ein Arbeitgeber davon profitiert. Geradliniger kann man es nicht machen.
Massenmails sind schnell und billig. Vor allem in der Heimat des Spam, in den USA, kauft man Adressen sehr günstig ein: Eine Million Privat-Adressen schon ab & 62,50! (Ich habe natürlich auch diese Information aus einer Spam-Mail.)
Jeder, der ein ausreichend starkes Info-Signal genügend weit ausstreut, wird bemerken: Ganz unabhängig vom Inhalt erhält man stets ein Feedback, dessen Stärke die Statistiker sogar annähernd bestimmen. Direkt-Vermarkter leben von diesem Feedback. Deshalb sind Massenmails für seriöse Anbieter, für Aktivisten, für allerhand zwielichtiges Volk und für vollkommen Verwirrte ein gleichermaßen wirksames und beliebtes Medium. Versuchen Sie es: Informieren Sie spaßeshalber eine x-beliebige Million Empfänger, dass die Amerikaner aktuell im Besitz einer Zeitmaschine sind, mit der sie die Weltgeschichte zu Ungunsten Belgiens verändern. Sie erhalten zwar nicht besonders viele Antworten, aber durchaus eine Reihe von Mails, die Ihre These auf interessante Weise aufgreift und variiert.
Als Vermarkter Ihrer eigenen Arbeitsbereitschaft und Ihrer Leistungsstärke erzeugen Sie jedoch mit Ihrer Blindbewerbung am besten nur Rückmeldungen ernsthafter Jobanbieter.
Bewerber in den USA haben sich bereits zu Papierpost-Zeiten per Massenbewerbung vermarktet. Ein Bewerbungstipp, der mir immer imponiert hat, lautete damals, sich mit anderen zusammenzutun, um gemeinsam aus Telefonbüchern und Brancheninfos einen genügend großen Bestand an Adressen zu gewinnen.
Jobsuchende sind bekanntlich Leistungsanbieter. Massenbewerbung als Vermarktungsidee funktioniert, solange der Jobmarkt funktioniert. (Zeiten der Rezession zeichnen sich eben auch dadurch aus, dass alle zugleich etwas anbieten, was keiner will.) Eine gut formulierte Massenmail hat in guten Zeiten denselben Effekt wie ein gut platziertes Stellengesuch. Da man drüben gleich USA-weit streut, erreicht man eine genügende Anzahl an Firmen. Das Prinzip der Massenmail, ungeschmälert auf Europa übertragen: Sie bewerben sich von Portugal bis Finnland.
Auch wenn Sie mit demselben Ticket wie Sammer, Viren-Aussäender und Dritte-Welt-Desperados reisen: Ja zur Massenmail. Voraussetzungen:
Die Branche gibt massenhaft Adressen her. (Der kapitale Fehler von Bewerbern: Sie ignorieren kleinere, ferne, nicht sehr bekannte Unternehmen.)
Es besteht ein Bedarf an einem bestimmten fachlichen Können. (Je höher Ihre Position, desto weniger werden Sie sich durch Bewerbungsaktivitäten exponieren.)
Man ist als Jobsuchender wirklich sehr flexibel.
Man ist ebenso bereit, seinen Marktwert zu testen.
Man versteht sich zu präsentieren.
Man befolgt die Gesetze des Mediums. Man nimmt das Schweigen hunderter angeschriebener Jobanbieter nicht gleich persönlich.
Man betreibt nicht nur diese eine Vermarktungsmethode.
Doch wie gehen die Meister der Mengenmail konkret vor? Ohne an der ureigenen Kompetenz des Arbeitsamts für Masse und Massen rütteln zu wollen: Selbstvermarktung ist auch bei Massenmailings nicht allein eine Frage der Quantität. Dass Sie als Selbstvermarkter massig streuen ist klar. Was Sie da streuen, darauf kommt es an.
Faustregel: Antwortrate gleich null: Sie haben zu wenig Bewerbungen verschickt. Zu wenig Feedback: Sie haben die falsche Bewerbung verschickt.
Da Bewerber hierzulande aber eher dazu tendieren, unspezifische, nicht zielgerichtete und letztlich wirkungslose Präsentationen zu liefern, ist es im Endeffekt egal, ob man sich für wenige Aussendungen oder eine Massenaktion entscheidet. Was prinzipiell das Ziel verfehlt, das verfehlt auch zehnfach oder tausendfach das Ziel.
Vergessen Sie nicht die grundlegenden Regeln von der Abhängigkeit Ihrer Präsentation:
Jede einzelne dieser Präsentationsgelegenheiten steht für sich, wirkt für sich und transportiert in sich alles, was Jobanbieter wissen müssen. In Anschreiben, Lebenslauf und Bewerberstory verdichten und reduzieren Bewerber die Informationsmenge. Lassen Sie sich aber als berufstätiger Mensch unter keinen Umständen darauf ein, dass sie Ihren Lebenslauf auf eine einzige Seite reduzieren.
Wann immer Ihre Präsentation offensichtlich nicht ankommt, im Mail-Orkus verschwindet oder gleich wieder zurückschwirrt, stellen Sie sich am besten zwei Fragen:
1. Kommen die Unterlagen an?
Haben meine Unterlagen das Ziel, also den einen richtigen Adressaten, überhaupt physikalisch erreicht? Landen sie auf seinem Schreibtisch? In seiner Mailbox? Gibt es einen besseren Zeitpunkt für den Kontakt? Lohnt es sich, den Adressaten mehrfach anzusprechen? Einmal anfragen ist kein Mal. Und nur, weil man auf eine einmalige Blindbewerbung nichts gehört hat, ist der Kontakt deswegen nicht gleich verbrannt.
Achten Sie als Bewerber darauf, dass Ihr Mail-Konto nicht die Adresskennung von dubiosen Mail-Providern trägt, die auch Spammern Unterschlupf gewähren. Sehen Sie zu, dass Sie sich im Betreff von den Spam-Mailern und am besten auch von den üblichen Blindbewerbern unterscheiden. Schreiben Sie also nicht einmal mehr "Bewerbung um eine Stelle als Versicherungsfachfrau". Setzen Sie dafür einen starken Begriff aus Ihrer Argumentation in die Mail-Betreffzeile: "Vip-Kunden im Bereich betriebliche Alterversorgung". Die Regeln sagen zwar, ein Betreff fasst den Briefinhalt zusammen. Wollten Sie aber den Regeln folgen oder wollen Sie ein Jobinterview?
2. Komme ich an?
Möchte man sich mit diesen Unterlagen überhaupt beschäftigen? Kommt Ihr Angebot wie gerufen? Sind die Unterlagen spannend? Nimmt man Sie wahr? (Ich stelle diese Frage am besten noch einmal, so wichtig ist sie: Nimmt man Ihr Profil wahr? Oder verschwinden Sie hinter wolkigen Höflichkeiten, altklugen Allgemeinplätzen und dem üblichen Understatement?) Versteht man Ihren Claim? Liefern Sie eine überzeugende Vorstellung von Kompetenz, Zuverlässigkeit und Leistung?
Mein Rat, falls Sie günstig und schnell an tausend oder besser mehr Adressen kommen: Dann entwerfen Sie Ihr Angebot. Richten Sie es auf eine konkrete Position aus. Belegen Sie faktisch und konkret Ihre beste Eignung. Folgen Sie den Prinzipien einer offensiven und starken schriftlichen Selbstpräsentation. Lassen Sie sich wie immer von 2E2A leiten und formulieren Sie einfach, ehrlich, ansprechend, angemessen.
Versuchen Sie es ohne Lebenslauf. Ein starkes Direkt-Mailing ist bloß ein Köder, keine Raubtierfütterung. Rechnen Sie sich größere Chancen aus oder wollen Sie mit Ihren Daten in einen Bewerber-Pool aufgenommen werden, dann legen Sie Ihr Datenblatt als Word- oder Acrobat-Dokument bei. Ich optimiere seit vielen Jahren Lebensläufe: Ob diese eine, zwei oder drei Seiten umfassen, das hängt absolut von der Biographie des Bewerbers ab und niemals von seiner Bewerbungsmethode.
Gibt Ihre Branche nicht so viele Adressen her oder Sie wollen sich nicht deutschlandweit oder gar global verändern oder Ihre berufliche Position verbietet Ihnen ein Massen-Mailing, dann gehen Sie anders vor:
Oder aber Türöffner finden und einsetzen; Türöffner sind Menschen, die einen Zugang zur Ziel-Organisation haben. Sie erkennen: in der Blindbewerbung muss man mit den Leuten nicht persönlich tun. Doch sobald die Chance eines direkten Kontakts besteht, arbeitet Ihre interpersonelle Wahrnehmung auf Hochtouren: Sie steuern, wie man Sie wahrnimmt und Sie forcieren sich dazu, selbst genau den Gegenüber wahrzunehmen.
Doch für wen eignet sich letztendlich das massenhafte Direkt-Mailing?
Und wann eignet sich die tausendfache Werbesendung auf keinen Fall?
Was Sie, liebe Leser, weder sich selbst noch Ihrem Bewerbungshelfer oder gar einem zugespamten Personaler antun wollen: sich absolut nichtssagend zu präsentieren, nur weil Sie sich nicht an jemanden Bestimmtes wenden. Schreiben Sie getrost an viele, aber bleiben Sie dabei nicht vage.
Dank an Foren-Betreuerin Edith Nebel (jobpilot.de) für Hinweis, Kommentare und Gegenlesen
21.11.2003; Text zuletzt überarbeitet: Berlin, 25.02.2009.
Ich schreibe für den verständigen Leser. Halten Sie bitte auch mich auf dem Laufenden: über den Jobmarkt, über Ihre Bewerbungswege, Erfahrungen, Abenteuer und Erfolge. Was vermissen Sie auf jova.nova.com? Was sehen Sie anders? Ich freue mich über Ihr Feedback!
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