
„Sollte man sich auf ein unterqualifiziertes Zeitarbeitsangebot einlassen? Wie wirkt das nachher im Lebenslauf?“
– Was gibt es gegen klar geregelte Dreiecksverhältnisse zu sagen? Ziemlich viel aus der Sicht der Partei, die dabei am schlechtesten wegkommt. Ohne Zweifel sind das Sie als Zeitarbeitnehmer. Die Umstände der Leiharbeit bringen es mit sich, dass man sich vielleicht wie auf dem richtigen Dampfer fühlt, doch leider in der falschen Uniform, von der Mannschaft bloß geduldet, von den Offizieren und dem Kapitän ignoriert und kaum je im beruflichen Aufstieg gefördert. Am Monatsende erhalten Sie stets weniger Heuer als der Maat neben Ihnen. Und jedes Mal, wenn das Schiff am Kai anlegt, wird Ihnen bang, dass man Sie von Bord komplimentiert.
Leute, die mit der Zeitarbeit gehen, sollen auch noch doppelt loyal sein. Also keine schlechten Gefühle, sondern Dankbarkeit gegenüber einem tausendzweigstelligen Dienstleister, der sich als Jobmakler zwischen Ihnen und der Zielfirma stellt. Dazu sollen Sie sich als Loyalitätsmäntelchen die Corporate Identity jener Firmen überziehen, deren Management selbst nur bedarfsweise und projektbezogen mit Ihnen rechnet. Ein Entleiher, das ist jener Betrieb, dem Sie zugewiesen werden, wird seinerseits schnell und rigoros reagieren, wenn Sie nicht mit ganzem Herzen dabei sind oder sich zu viele Blackouts beim Einarbeiten leisten. Man braucht Ihnen gegenüber keine Fristen einzuhalten, wenn man Sie aus dem Arbeitsverhältnis expedieren will. Auch der Verleiher, mit dem Sie Ihren Arbeitsvertrag abschließen, profitiert von Kündigungsfristen wie zu Landarbeiterzeiten, das heißt, zwischen einem Tag und zwei Wochen. Die Leiharbeit ist eine Drehtür, die Sie pushen können, wie Sie wollen, ohne dass sie einen richtig rein oder raus bringt. Sie sind Diener zweier Herren, was nur dann eine Komödie ist, wenn man das Theater liebt. Sobald Sie als Zeitarbeiter unnötig Theater machen, befördern Sie eher Ihre persönliche Tragödie.
Jedes Zeitphänomen hat seine Befürworter. Die Profiteure der Zeitarbeit verweisen auf die vielen positiven Seiten: Wer (vielleicht schon länger) ohne Arbeit ist oder wer als Bewerber auf Anhieb nicht genommen wird, der schleicht sich leichter in einen Job. Sofort abrufbare Arbeitskraft, die nur so lange abgenommen wird, wie sie auch tatsächlich gebraucht wird, nutzt den Betrieben in unsicheren Auftragslagen. Den qualifizierten und erfahrungshungrigen Berufseinsteigern, die sich erproben, ihre Skills weiter vervollkommnen und Kurzbeziehungen mit attraktiven Organisationen eingehen wollen, erscheint die Zeitarbeit als eine zeitgemäße und willkommene Lern- und Wanderphase.
Gab es denn nicht noch ein weiteres, unwiderstehliches Proargument? Oh ja. Die lose geknüpften Arbeitsverhältnisse wirken wie Leimruten. Ein Teil der Interimsmitarbeiter bleibt immer kleben. Zwar ist auch dieses Jobglück letzten Endes befristet, doch die feste Anstellung hat in bindungsscheuen Zeiten wie den unseren ihren eigenen Wert. Hauptsache, man hat einen Fuß drin. Der Rest kommt dann nach.
Der Anteil an glücklichen Zeitarbeitern, denen das widerfährt, ist mit unter zehn Prozent allerdings so gering, dass man den letzten Jahrgang gut in das Olympiastadion einladen könnte. Dort könnte dann zum Vergnügen aller der Bundesverband Zeitarbeit zum Match gegen eine Gewerkschaftsauswahl antreten.
Zeitarbeit ist gewiss dann gut, wenn Sie nur eine begrenzte Zeit jobben, aus dem Stand Geld verdienen oder häufiger den Arbeitgeber wechseln wollen. Sie zahlen als Zeitarbeiter in die Renten-, Arbeitslosen- und Krankenversicherung ein und schlüpfen unter den (etwas zu kurzen) Mantel des gesetzlichen Kündigungsschutzes. Sie erhalten Lohn, falls Sie erkranken und können wie andere Arbeitnehmer bezahlten Urlaub von ihrer Zeitarbeit nehmen.
Nichts leichter, als im Lebenslauf so eine Job-Triole abzubilden:
seit 06.2011
Verwaltungsangestellte, Laws Professional GmbH, Berlin
Verwaltung und Versand
Überlassung durch Temp’s Paradise GmbH, Berlin
Wareneingangsbuchungen; Prüfung Auftragsbestätigungen, Eingangsrechnungen; Bestellung Bauteile; Materialabgleich; Zahlungsavis; Einreichung Schecks; Statistiken
Im CV wirkt das als Abbild der Realität und die Realität seiner Jobverpflichtungen getreulich abzubilden ist die vornehmste Pflicht jedes Jobsuchenden. Verzeichnen Sie Ihren Arbeitgeber und Ihre Dienststation. Sie können damit nur punkten.
Gesetzt den Fall, Ihre Jobfindung braucht längere Zeit. Sie könnten dann (als Einsteiger) ein Praktikum dazwischenschieben, eine mehr oder weniger qualifizierte Zeitarbeit annehmen oder von Alg bzw. Transferleistungen existieren (wenn Sie nicht ganz in die Schattenwirtschaft abtauchen). Was ist klüger? Das weiß man erst, wenn man das Ergebnis kennt.
Alle Erfahrung zeigt doch: Wer es sich leisten kann zu warten, der optiert kaum für einen Zwischenjob unterhalb des Qualifikations- und Gehaltsniveaus.
Ohne Zweifel wirken Sie aber auf Jobanbieter vertrauenswürdig, wenn Sie egal was jobben statt alimentiert zu werden. Es kommt gut an, wenn Sie vor allem selbst etwas aufreißen statt sich irgendwo hinschicken zu lassen. Dann sollten Sie nur noch all das, was Sie im Jobleben so tun, im Gespräch mit einem Jobanbieter als der Situation angemessen, höchst sinnvoll und segensreich darstellen. Tun Sie das Angemessene und kommunizieren Sie es als das Richtige.
Lassen Sie sich auf temporäre, miese Jobs ein, wenn es keine temporären guten Jobs gibt und verschaffen Sie sich Respekt durch Ihre Leistung. Ein Jobanbieter versteht das, wenn er Ihren Lebenslauf mustert, Ihr Anschreiben überfliegt, Ihre Arbeitszeugnisse checkt und Ihre Referenzliste durchsieht.
Neuenhagen bei Berlin, Mai 2011
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